Der Nihilismus
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Es wurde schon viel über den Nihilismus geschrieben - hauptsächlich, weil man anscheinend für alles Gute im Leben auch etwas Schlechtes braucht, nämlich den Glauben an nichts: Dass nichts erstrebenswert ist, dass nichts jede Bedeutung annehmen kann, dass das Individuum und die Welt nichts sind. Dies bezeichne ich als Fatalismus, denn, ganz ehrlich, wenn jemand an nichts glaubt - nicht einmal an die Lebensfreude, die grundlegendste aller Freuden - dann ist der Tod ein Geschenk und eine Erlösung. Wenn dein Schicksal so schrecklich ist, dann begrüße ihn und stirb auf eine gute Weise! Vielleicht kannst du dich kurz aufraffen, eine Bombe um deinen Körper schnallen und dich inmitten einer kommerziellen Orgie, wie etwa einem Einkaufscenter während der Weihnachtszeit, in die Luft jagen - und so einige Menschen, die an einem etwas subtileren Fatalismus leiden, mit in den Tod reißen.

Meiner Meinung nach ist der Nihilismus die Beseitigung jeder Wertvorstellung, die wir von allen Dingen haben, außer das, was ich das Inhärente nennen und gleich definieren werde. Wenn Menschen über Satan, über den Krieg gegen Terrorismus, oder über das große Streben nach allgemeiner Gleichheit jammern, kann man sie direkt in die Augen schauen und sagen: "All diese Dinge haben keinen Wert außer den, den wir ihnen aufbürden." Wenn Menschen dir sagen, wie wichtig es ist, den neusten Film zu sehen, auf dieser exklusiven Feier zu gehen, oder einen schicken Wagen zu besitzen, kann man ihr Besorgnis nach dem gleichen Muster zurückweisen. Der Nihilismus ist die Beseitigung von allem, außer dem Inhärenten.

So wie ich es sehe, ist der Nihilismus eine Durchgangsphilosophie: Die anfängliche Erkenntnis auf dem Pfad des Lernens. In starkem Kontrast zu den Philosophien, die mit "Glauben" gleichgesetzt werden, bei denen alle, die in den Tempel gehen und ein Bekenntnis vortragen, Weisheit erhalten haben sollen, haben die Lebensphilosophien, die keine bloße Scharade sind, esoterische Auffassungen angenommen. Aus esoterischer Sicht erhält derjenige Weisheit, der nach ihr sucht, und nicht immer gleich viel; es gibt keine magische Schwelle, über die er schreiten kann, um ein heiliges Zeichen auf seiner Stirn malen und als weise gelten zu können. Stattdessen erwarten ihn endloses Lernen und gleichermaßen endlose potentielle Fallgruben. Wenn er die nihilistische Philosophie annimmt, hat er den ersten Schritt seiner Initiation genommen - die Beseitigung jeder externen Wertvorstellung leitet weitere Entdeckungen ein.

Die meisten Philosophien unserer Zeit propagieren entweder irgendeine absolute, universelle Weisheit als den einzig wahren Pfad zu Rechtschaffenheit und Macht, oder machen de facto das gleiche auf individueller Ebene, indem sie die Realität als "alles, was es deiner Meinung nach sein könnte", darstellen. Das sind keine richtigen Philosophien, sondern eher extreme Versuche, die ewige Frage ("Was ist real/wahr/bedeutungsvoll?") zu beantworten. Der Nihilismus bietet einen Ausweg aus diesem Paradoxon: Es bestätigt das Leben selbst als Antwort auf die Frage nach seinem Sinn: 'Was ist bedeutungsvoll?' wird zu 'Das Leben selbst ist bedeutungsvoll!' und lässt uns erkennen, dass das Leben ein fortlaufender Prozess ist, der nicht einfach zu einer Frage des 'Glaubens' reduziert werden kann, oder seine Bedeutung in begrenzten modernen Konzepten wie etwa 'Geld' finden kann. Ein gutes Leben verkörpert Schönheit, Wahrheit und Bedeutung.

Aber wie soll man ein solches gutes Leben definieren? Wenn wir nach dem Absoluten streben, wie etwa die bequemste Lebensweise, oder die meiste Macht, oder das meiste Geld, oder die größte Beliebtheit, erkennen wir, dass dies alles extern definierte Dinge sind, die einem nicht wirklich zufrieden machen können. Es ist sinnvoller, sich an den Ahnen zu orientieren und ein gutes Leben anders zu definieren, nämlich indem man sein Schicksal und damit seinen Platz im Inhärenten annimmt. Der Nihilismus beseitigt unsere Vorstellung, dass ein gutes Leben etwas sein kann, das außerhalb des Individuums definiert werden kann. Andererseits erkennt sie auch die Schwäche des Individuums: Keiner wird jemals immer nur die 'Wahrheit' (nämlich die Ursachen der Abläufe in der externen Realität) sehen können.

Das soll allerdings nicht den seichten 'Objektivismus' billigen, wie zum Beispiel den von Alissa Rosenbaum ("Ayn Road"). Für sie ist der Materialismus ein philosophisches Objekt, das in der Tradition steht, in der sie aufgewachsen ist - die des Judentums, das trotz seines dualistischen Glaubenssystems kein einziges Ideal über materielles Wohlbefinden (Macht, Reichtum, gesellschaftliche Stellung) stellt. Diese 'objektivistischen' Philosophien sind reine Parodien, denn sie haben den Sinn des Lebens mit den Mitteln zum Leben ersetzt und sind so der Frage nach seiner Bedeutung ausgewichen. Der Objektivismus des Nihilismus kommt dem der Naturwissenschaften oder dem der alten religiösen Traditionen des Vedas näher: Wir sind alle im gleichen Raum eingeschlossen, der einheitliche Regeln hat und auf uns allen, egal, ob wir es wahrnehmen, oder nicht, auf einer vorhersehbaren Weise wirkt.

Ein Beispiel: Wenn zwei Menschen einen Ball hin und her werfen, wird der Ball einen objektiven Kurs folgen, egal ob der Fänger diesen richtig eingeschätzt hat, oder nicht. Wenn der Werfer die Entfernung falsch eingeschätzt hat, wird der Ball weit vom Fänger landen. Dieser kann aber den Kurs des Balls erkennen und versuchen, den schlechten Wurf zu kompensieren. Von außen betrachtet ist dieser Bewegungsablauf 'objektiv' und die Gedanken der beiden Personen 'subjektiv' - beide Vorgänge müssen jedoch nicht zwangsläufig zueinander passen. Dieses Spiel hilft einem, auf eine spaßige Weise seine eigene Realitätswahrnehmung der externen Realität anzupassen, die, gemäß ihrer Struktur und ihren Mechanismen, vorhersehbar ist.

Mark Aurel gibt uns ein Teil des Puzzles:

Wie man sich bei Leckerbissen und anderen Speisen dieser Art vorstellen kann, daß es sich hier um den Kadaver eines Fisches handelt, um die Leiche eines Vogels oder Schweines, und weiter, daß der Falerner nur der Saft einer Traube und das Purpurgewand nur die Wolle eines Schafes ist, die mit dem Blut einer Schnecke getränkt wurde und daß bei der geschlechtlichen Vereinigung nur ein Reiben des Gliedes und eine Absonderung von Schleim verbunden mit gewissen Zuckungen stattfindet - wie man diese Vorstellungen gewinnt, die den Kern der Sache treffen und ihren eigentlichen Gehalt bewußt machen, sodass man sehen kann, um was es sich in Wirklichkeit handelt, so muß man es das ganze Leben lang tun, und wo einem die Dinge allzu seriös vorkommen, muß man sie entblößen, ihre Wertlosigkeit erkennen und ihr hohes Ansehen zerstören, auf dem ihre Wertschätzung beruht.
- Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, VI, 13

Wenn man sich ausschließlich den rein physischen Aspekten des Lebens widmet, erkennt man zwar Anzeichen von Bedeutung, aber nicht Bedeutung selbst. Im eben beschriebenen Spiel ist nicht die Qualität des Balls und auch nicht die Sensation, ihn vorbeifliegen zu sehen, von Bedeutung, sondern die Fähigkeit, den Ball zu fangen, und somit die Bewegung des Werfers und die des Fängers zu vereinen. Ein Nihilist, der mit dem Wert des Nicht-Werts vertraut ist, erkennt so, dass weder das Objektive, noch das Subjektive bedeutungsvoll ist, sondern ihre Vereinigung im Inhärenten, die das Individuum in seiner Interaktion mit der physischen Welt stärker macht. Ähnlich verhält es sich mit symbolistischen Weltanschauungen: Sie entwerfen eine 'duale' Welt, in der Symbole wichtiger sind, als das Leben selbst. Ausschließlich auf das Physische oder Symbolische zu verharren, ist ein Irrtum des Verstandes (und entspricht in etwa das Judentum und das Christentum).

Diese Art zu denken überansprucht jedoch die meisten Menschen. Aus diesem Grund kritisieren so viele an dieser Seite, dass es nihilistisch ist, es aber trotzdem wagt, an mehr als puren Fatalismus zu glauben. Die Gebildeten unter dieser Masse sind die Russell-Wittgenstein Anhänger. Ihnen hat man gesagt, dass die Sprache fehlerhaft und infolgedessen falsch ist und dass sie sich gänzlich dem Subjektivismus hinwenden sollen, um so den objektiven Nachweis der Wahrheit der Unwahrheit zu führen. Die Zen-Philosophie hat eine gutmütigere Sichtweise - eine, die sich klugerweise nicht durch Sprache, sondern durch reines Erleben ausdrückt - denn manchmal muss der Schlag des Zen-Meisters bestätigen, dass die Realität in der Tat real ist.

Der Nihilismus ist eine Durchgangsphilosophie, deren Ziel die Erkenntnis des Inhärenten ist. Denkende Wesen, die sich in sich selbst isolieren, isolieren sich gegen ihre Intuition gleichzeitig von der Realität des Lebens. Die häufigsten Fehler, die sie begehen, sind als Fänger den Ball an einer falschen Stelle zu erwarten, oder als Werfer, der von der Sonne geblendet wird, ihn an die falsche Stelle zu werfen. Die Behauptung, dass der Ball an der falschen Stelle gelandet ist, ist weder eine logische Schlussfolgerung, noch kann sie moralisch beurteilt werden: Beide an diesem Spiel beteiligte Menschen täuschen sich selbst, indem sie glauben, dass ihre eigene Realitätswahrnehmung der externen Realität, die für Raum und Zeit und alle anderen natürlichen Tendenzen verantwortlich ist, die dieses Spiel erst möglich machen, überlegen ist. Das ist die Grundlage des Inhärenten.

Das Leben selbst kann man nicht definieren, außer wenn man die für eine Definition entscheidenden Faktoren sehr einschränkt. 'Existenz' ist vielleicht ein passenderer Begriff, doch letztendlich beruht die Existenz auf natürliche Gesetzmäßigkeiten und die 'Realität', die sogar auf einer Ebene niedriger als die rein physische bestehen kann. Dass es natürliche Gesetze gibt, die die Materie wahrnehmbar erscheinen lassen, oder dass es Regelmäßigkeiten oder logische Zusammenhänge gibt, bestätigt nur das Wesen der Materie. Was Aurel oben beschreibt, ist die Akzeptanz unserer Existenz, aber die Einsicht, dass sie keine Bedeutung, außer der, die wir ihr beimessen, hat: Sie ist eine Abstraktion, die auf das Inhärente basiert und die auch das Leben selbst beinhaltet.

Anders gesagt finden wir das Leben gut, wenn wir spüren, dass es eine Bedeutung hat, was wohl der größte Faktor eines gut geführten Lebens ist. Unsere Umwelt schenkt uns eine Existenz - entweder passen wir uns ihr an, oder wir driften in unsere eigenen Fantasiewelten ab. Wenn wir uns ihr anpassen, ziehen wir unser Vergnügen aus der Tatsache, dass wir die Tendenzen unser Existenz an ihr angleichen können - wie das Fangen eines Balls, das von einem anderen wahrnehmenden Wesen geworfen wurde und von den natürlichen Kräften durch Raum und Zeit in unsere Hand befördert wurde. Dies ist die Natur des Inhärenten und es gibt nichts, das höher oder niedriger einzustufen ist.

Um diese Stufe zu erreichen, muss man sich dem Reinigungsprozess des Nihilismus unterzíehen, indem man jede 'Bedeutung', die uns andere Menschen nahelegen, oder die uns aus physischen Gründen so 'erscheint', beseitigt. Sex gibt dem Leben keinen Sinn, sondern nur die gegenseitige Beziehung zweier Menschen, da das Vergnügen kurzlebig ist und Schmerz nicht verhindern kann (sogar der größte Kiffer kann dir sagen, dass sogar die absolute Glückseligkeit eines hervorragenden Rausches mit der Zeit ihren Reiz verliert, da der Ablauf immer der gleiche ist). Um dies aber wieder zu relativieren, ist auch nicht der Symbolismus der Liebe, der Reinheit, oder der Keuschheit real; es ist die geteilte Wahrnehmung des Inhärenten, aber nicht das Inhärente selbst. Nur das Inhärente hat eine Bedeutung und jeder von uns kann das, je nach unserer Begabung, erkennen.

Eine weitere Definition des Inhärenten ist das Transzendieren des Körper-Geist-Dualismus des Lebens; die meisten sehen entweder im Geist und den Abstraktionen, die wir 'gut' und 'böse' nennen, oder im Körper und seinen materiellen Bedürfnissen den höchsten Wert des Lebens. Es ist jedoch viel vernünftiger, einen mechanistischen Ansatz zur Analyse des Lebens zu vermeiden, und zu erkennen, dass der Wert des Inhärenten ein 'Wert des Ganzen und seiner Stellung im Ganzen' ist; wir können uns nicht vom Ganzen trennen, oder es als etwas von uns getrenntes betrachten. Es hat uns hervorgebracht und uns mit Kenntnissen ausgestattet - sogar im Nihilismus selbst erkennt man den Widerspruch zum Fatalismus: Wir sind die Agenten des Ganzen und unsere Taten beeinflussen, je nach unserer Begabung, die Zukunft.

So kommen wir zur 'schmerzhaftesten' Erkenntnis des Nihilismus: Nein, meine Freunde, wir sind nicht alle 'gleich', weder in einem kosmologischen Sinn, noch was unsere Begabung angeht. Manche sind schlauer, manche stärker, manche haben einen besseren Charakter - wenn man das erkennt, beseitigt man die große soziale Illusion, die den Nihilismus blockiert. Die große Menge, die das Inhärente nicht wahrnehmen kann, oder es wegen ihrer undifferenzierten Stellung innerhalb diesen leugnet, möchte gerne, dass wir nach dem Gleichheitsprinzip urteilen, sodass wir an einer devotionalen 'Wahrheit' teilhaben können und wir durch das Aufsagen von ein paar einfachen Worten auf eine Ebene der heiligen Erkenntnis gehoben werden. Die Natur ist real und in der Natur werden viele geboren, doch wenige überleben; das ist die sicherste Methode, um jede Generation eine bessere Version eines Organismus hervorzubringen - diejenigen, die in der Zukunft leben, werden ein besseres Leben haben.

Der Nihilismus ist ein Durchgang und der Versuch, es in einem sauberen Internetartikel zusammenzufassen, den man während der Mittagspause lesen kann, bevor man wieder zu stimulierenden Aufgaben wie Faxe schicken, Autos reparieren, Reden zu verfassen, oder Toiletten zu reinigen, zurückkehrt, ist unklug. Für diejenigen, denen Genauigkeit wichtig ist, ist die Philosophie eine esoterische Tätigkeit. Sie offenbart sich nur langsam - durch Erfahrung - und jeder Versuch, den Weg abzukürzen, ist devotionaler Egalitarismus und somit eine Illusion. Für diejenigen, denen die normale 'Bedeutung' des Lebens nichts gibt, soll dieser Artikel eine Einladung sein, diesen Durchgang zu wählen: Glaube an nichts, damit du das etwas, das wahre Bedeutung hat, finden kannst.

Dezember 15, 2004

Our gratitude to 1191.4814.5102 for this translation.


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