26. Februar 2008
Der kurzsichtige Atheist
Der kurzsichtige AtheistEigentlich könnte man als Nihilist in den heutigen Tagen der immer weiter voranschreitenden Säkularisierung und der Kritik an der Kirche und ihren Lehren froh sein. Die Priester haben kaum noch Macht im zivilen Leben und kaum ein Bundesbürger geht noch in die Kirche. Doch es kommt im Zuge der Verwissenschaftlichung des Geisteslebens der Gesellschaft zu einer neuen Götzendämmerung. An Stelle von Gottes Willen, den niemand in Frage stellt, tritt nun die Meinung des Wissenschaftlers, dessen Erkenntnisse solange nicht hinterfragt werden, bis ein neuer Wissenschaftler etwas anderes behauptet. Jede Religion kann durch Antithesen dekonstruiert werden, so aber auch jede wissenschaftliche Erkenntnis. Wie oft wurden schließlich wissenschaftliche Hypothesen negiert und gelten heute als veraltet? Anstatt alles kritisch zu sehen, wie man nun die Religion kritisch betrachtet, tanzt man um jede neue (pseudo-) wissenschaftliche „Erleuchtung“ wie um das goldene Kalb. Anstatt sich im Zuge des Laizismus und Ideologiekritik der Postmoderne auch von dem Götzen der unhinterfragten Wissenschaftsgläubigkeit zu befreien, wählt man lieber den Weg des blinden Vertrauens auf den Forscher im Labor. Freunde der Postmoderne denken, der atheistische Mensch des Westens habe sich nun aus seiner Blindheit befreit und sehen gelernt. Doch letztendlich hat er sich nur einen neuen Blindenhund zugelegt und glaubt nun selbstgefällig und ignorant selber daran, eigentlich doch nicht mehr blind zu sein.
Natürlich hat dies etwas mit geistiger Gemütlichkeit und Denkfaulheit zu tun. Diese impliziert immer eine absolute Oberflächlichkeit. Es ist natürlich gemütlicher, sich auf das zu verlassen, was man zu sehen glaubt. Der Atheist will alles selber prüfen, er will nur das glauben, was er selber sieht. Doch kann er wirklich sehen? Im Falle des Atheismus der grauen Massen der denkfaulen Schafe ist dem nicht so. Letztendlich ist die Aussage „ich glaube, was ich sehe“ nur eine Umschreibung für „ich bin die Krone der Schöpfung und der Rest ist mir egal“. Dass dies nicht gerade von besonderer Weisheit zeugt, sollte offensichtlich sein. Um mal auf den Aspekt der Arroganz dieses blinden Atheismus einzugehen, lässt sich feststellen, dass die christliche Lehre vom Menschen als Krone der Schöpfung einfach weitergetragen wird und noch um ein vielfaches an Arroganz und Narzissmus angereichert wird. Wie kann sich denn die Lebensform, die diesen Planeten so schändet wie keine zweite, erdreißten, sich selbst als Krone der Evolution oder Schöpfung zu sehen? Ist dies nicht einfach nur die Fortpflanzung der „Untertanmachung der Welt“, welche im Alten Testament angeblich von Jehova selbst gefordert wird?
Indem der Mensch glaubt, er sei die Krone der Evolution, das absolut höchste und ausschließliche Wesen, klammert er letztendlich das Universum in seiner Fülle vollkommen aus. Der Mensch nutzt nur ca. zehn Prozent seines Gehirns, er kann sich nicht die Unendlichkeit vorstellen, er kann nur gewisse Portionen davon erahnen. Es liegen in uns sehr viele Schätze begraben, die noch geborgen werden müssen. Den Menschen fehlt es an Selbsterkenntnis. Wenn sie diese hätten, so würden sie gegenüber Dingen, die selbst noch darüber liegen, ein gesundes Maß an Respekt zeigen können. Doch dies wird wohl immer ein Wunschdenken bleiben in einer Gesellschaft, welche heute einen Erlöser preist, ihn morgen schon durch einen neuen eintauscht, dabei aber behauptet, es ja immer schon besser gewusst zu haben.
Wenn man also als Atheist nur glaubt, was man sieht, dann ist man doch ziemlich eingeschränkt anhand dessen, von dem wir wissen, was jenseits unserer persönlichen Fassungskraft liegt. Um dies aber mal klar zu stellen, ich glaube nicht, dass religiöse Menschen da besser wären. Ganz und gar nicht, denn jeder Mensch ist letztendlich kurzsichtig. Doch gilt es einfach auch mal sich selbst dies eingestehen zu müssen, anstatt selbstgefällig und gemütlich zu sagen, man glaube nur, was man selber prüfen kann oder will. Vor allem gilt es, nach Höherem zu streben.
Es gibt eben einen Unterschied zwischen denen, die sich zurücklehnen und sagen: „ich lasse Gott (oder wahlweise die Wissenschaft) alles erledigen“ und denen, die selber nach Weisheit streben. Wer nach Weisheit strebt, ist sich jedoch der menschlichen Beschränktheit bewusst, nur der, der nie an die Grenze seiner kognitiven Leistungsfähigkeit stoßen wollte, wird selbstgefällig behaupten, man könne alles mit den heutigen Methoden der Wissenschaft rational erklären. Man sieht also, dieser Wissenschafts-Atheismus ist nur eine selbstgefällige Fortsetzung der Lehren der Kirche, von denen man sich ja angeblich befreit haben will. Diese Form des Atheismus funktioniert von daher wie die Religionen, die sie verdammt. Einer tanzt vor und alle anderen machen es nach, sie sprechen gebetsmühlenartig die Dogmen nach, anstatt sich selber Gedanken zu machen, sich aus dieser Situation der Unmündigkeit zu befreien.
Ja, selbst in diesen Gedanken stecken Züge eines gewissen Glaubenssystems, oder jedenfalls ist es von diesen inspiriert. Es mutet buddhistisch an, hat nur nihilistische Züge. Aber Glaubensformen wie der Buddhismus z.B. beruhen auf ganz anderen Weisheiten als die des christlich inspirierten Atheismus. Dieser Glaube ist ein höflicher Atheismus. Und daraus können wir viel lernen. Es ist ein Glaube an etwas Höheres, es ist ein Erkennen des Kosmos, indem man durch Meditation und Demut sich selbst erkennt. Man kennt den Gott in sich und kultiviert sich bis zum Zustand des Nirvana, der totalen Auflösung der materiellen Hülle. Und dies wohlbemerkt, ohne einen strafenden Gott, der alles weiß und Pfaffen, die einem erst alles vorbeten müssen. So ähnlich verhält es sich auch mit dem Paganismus. Diese Formen des Glaubens sind wirklich freie Formen. Sie befreien den Menschen teilweise aus seiner Unmündigkeit und stellen ihn in Einheit mit der Unendlichkeit des Universums. Es sind suchende Menschen, die sich von den Dogmen der monotheistischen Religionen, die lediglich den freien Willen des Menschen einschränken, befreit haben. Es sind Menschen, die sich nicht blind auf etwas metaphysisches verlassen und bei Erkenntnis, dass dieses nicht im geringsten existiert, plötzlich nur noch oberflächliche Phrasen drischen, wie die zuvor beschriebenen blinden Atheisten.
Ich will hiermit ausdrücken, dass sich diese blinden Wissenschafts-Atheisten nicht als mündig fühlen sollen, nur weil sie um ein anderes goldenes Kalb tanzen als die Generationen von Leichtgläubigen zuvor. Sie sollen dieser Oberflächlichkeit entsagen und in sich gehen. Denn da warten auf jeden Menschen unglaublich reiche Schätze und Erkenntnisse.
Bevor man glauben kann, was man sieht, sollte man erst sehen lernen!
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