Alte indoeuropäische Literatur
Alte indoeuropäische Literatur
Von Freanan, 12. Dec. 2006
Wenige wissen von der Vielfalt an antiker und mittelalterlicher Literatur des
alten Europa, die noch erhalten ist, und die in eine moderne Sprache unserer
Wahl übersetzt für wenig Geld in Buchhandlungen erhältlich ist.
Dazu zählen nicht nur die bekannteren Werke aus Rom und Griechenland, sondern
auch Germanische und Keltische Texte, die über die Zeiten gerettet wurden.
Auch Indien sollte man bei der Betrachtung indoeuropäischer Literatur nicht
vergessen.
Folgende Liste soll einen kurzen Einstieg in die Sichtung dieses Schatzes
bieten und eine Anregung für den interessierten Neuling sein.
Darunter befinden sich Bücher aus verschiedenen Epochen und Ländern.
Was all diese Werke vereinigt, ist eine Mischung aus Realismus und Idealimus, aus profanem und heroischem: Ein Blick in eine Zeit, als heroische Ideale und das alltägliche Leben noch ohne einen Widerspruch koexistieren konnten.
Die Illias
Die Illias spielt im trojanischen Krieg und schildert die Belagerung der trojanischen Hauptstadt Illium durch das Heer der Griechen. Es wäre jedoch eine grobe Vereinfachung, das Epos als eine monotone Darstellung des Tötens zu bezeichnen. Selbst in unseren der Gewalt und dem Tod so ängstlich abgewandten Zeiten gilt die Illias nicht zu Unrecht als eines der größten Werke der Weltliteratur.Trotz der epischen Schlachtszenen und der ungeschönten Darstellung gewaltsamer Todesarten ist die Illias kein "Splatter": Im Vordergrund stehen die Schicksale der kämpfenden Individuen, Nationen und Götter. Jeder Krieger auf beiden Seiten hat eine Vorgeschichte, eine lange Ahnenreihe und eine eigene, ausgearbeitete Persönlickeit. Jeder Zweikampf wird von beiden Seiten betrachtet, jeder Tod ist Triumph und Tragödie zugleich.
Insgesamt ist die Illias also eher eine Studie der (heroischen) menschlichen Psyche, ihrer Ängste und Träume und ihres Verhaltens in Extrem- und Konfliktsituationen.
Obwohl in der Illias der Tod vieler edler Männer und Frauen beklagt wird, beklagt das Epos nie die Natur der Welt, die Kampf, Leiden und Tod hervorbringt. Kampf und Leiden scheinen sogar viel mehr das zu sein, was den hier beschriebenen Personen die Möglichkeit gegeben hat, sich zu behaupten und hervorzutun - auch wenn es letztendlich ihren Untergang bedeutet.
Die Illias ist nicht hauptsächlich eine Geschichte über den Krieg, sondern eher eine Geschichte über das unerbittliche Schicksal:
Das Schicksal jedes einzelnen ist früher oder später der Tod. Homers Figuren versuchen nicht, diesen hinauszuzögern, sondern ihrer Lebenszeit einen höheren Sinn zu geben, der vielleicht längeren Bestand hat, als ihre körperliche Existenz.
Englisch
Deutsch
Beowulf
Beowulf ist ein altenglisches episches Gedicht, das vom Leben des gleichnamigen Helden handelt. Die Handlung spielt sich im heutigen Schweden und Dänemark ab. Erzählt wird die Lebensgeschichte des Helden Beowulf.Zunächst wird von Beowulfs Jugend berichtet, in der er die Halle des mit ihm verwandten Königs Hrothgar von zwei mythologischen Bestien befreit. Später folgen Beowulfs Heimkehr und seine Übernahme der Königswürde. Das Gedicht endet mit seinem Tod im Kampf gegen einen Drachen, der sein Land und sein Volk bedroht.
Die Stärken dieses Epos sind seine poetische Sprache, seine emotionale Audruckskraft und seine intensive Atmosphäre. Neben den drei Kämpfen enthält Beowulf zahlreiche Festmahle, Ansprachen und Streitgespräche, durch die der Leser von früheren Ereignissen oder von anderen Geschehnissen aus der angelsächsischen Geschichte erfährt. Gleichzeitig erfahren wir durch sie vieles vom Ethos und der Lebensweise des angelsächsischen Kriegeradels.
Insgesamt erscheint Beowulf weniger als eine Erzählung von drei Kämpfen eines Helden, denn vielmehr als eine Elegie an das Heroische und Große im Menschen, an heidnische Werte, an Loyalität, Mut und Ehre.
Im Zentrum steht weniger Beowulf als Einzelner, als vielmehr das Motiv des nach höherem strebenden Menschen, der über sich selbst hinauswachsen und sich gegen die Widrigkeiten seiner Umwelt behaupten muss.
Diese Qualitäten erheben das Gedicht von der simplen "Geschichte eines Mannes, der drei Monster erschlägt", zu einem der schönsten, ergreifendsten und bedeutendsten Werke alter europäischer Literatur.
Anmerkung: Weil Beowulf zu einem großen Teil von seiner poetischen Sprache lebt, sollte man darauf achten, eine Übersetzung in Versen zu beschaffen.
Englisch
Deutsch
Tain Bo Cuailnge
Bis heute gelten die Iren als ein Volk von Dichtern und Musikern. Von den Epen und Dichtungen ihrer Vergangenheit ist nur die Geschichte des Rinderraubs von Cooley, die Tain Bo Cuailnge, für den des Gälischen nicht mächtigen Leser zugänglich.Die Tain gilt als irisches Nationalepos und erzählt die Geschichte der Invasion Ulsters durch die Armee des Herrscherpaars von Connacht, Medb und Ailill.
Zuvor werden einige Vorgeschichten erzählt: Der Leser erfährt beispielsweise, wieso die Männer Ulsters jährlich in Geburtswehen ähnlichen Krämpfen liegen müssen.
Die Tain beginnt mit einem Streit zwischen Medb und Ailill. Medb behauptet, ihr Ehemann sei weniger wohlhabend als sie. Beim Vergleich ihrer Reichtümer stellt sich jedoch heraus, dass die Reichtümer des Paars sich bis auf einen mächtgen weißen Bullen aus Ailills Beständen exakt gleichen. Um dies auszugleichen, will Medb daraufhin den einzigen ebenbürtigen Bullen, den braunen Bullen aus Conchobors Reich Ulster in ihren Besitz bringen. Als ein friedlicher Versuch scheitert, started das Herrscherpaar einen Feldzug gegen Ulster, dessen Krieger durch ihre Krämpfe kampfunfähig sind.
Als einziger aus Conchobors Gefolgschaft bleibt Cu Chullain von den Krämpfen verschont. Der Großteil des Epos erzählt, wie er das Land allein gegen die Angreifer verteidigt. Die Geschichte endet nach dem Genesen der Krieger Ulsters und nach einer finalen Schlacht, in der Cu Chullain fällt und die im Kampf der beiden Bullen gipfelt, mit einem Friedensschluss.
Englisch
Die Bhagavad Gita
Die Bhagavad Gita war ursprünglich Teil eines weit größeren Epos, des Mabharata, das leider nicht in deutscher oder englischer Übersetzung erhältlich ist. Trotzdem gilt sie für sich genommen als einer der wichtigsten Texte des Hinduismus.Die Handlung spielt vor dem Hintergrund einer bevorstehenden Schlacht und ist als Dialog zwischen dem Krieger Arjuna und seinem Wagenlenker Krishna geschrieben. Arjuna schildert Krishna seine Bedenken, in die Schlacht zu ziehen. Er befindet sich in einem Loyalitäts- und Interessenkonflikt, denn auf der Gegenseit kämpfen Verwandte von ihm. Krishna versucht ihn durch eine philosophische Unterweisung aus seinem Dilemma zu befreien.
Anders als bei den anderen hier vorgestellten Büchern erzählt die Bhagavad Gita keine Geschichte, sondern ist ein philosophisches Werk, auch wenn es hier eine Rahmenhandlung und den Kontext des Mahabharata-Epos gibt. Die Schlacht und das feindliche Heer werden als Allegorien für das Leben und seine Widrigkeiten verwendet.
Die Welt wird als zusammenhängendes Gebilde oder auch als komplexer kosmischer Prozess dargestellt, in dem Individuen oder einzelne Dinge nichts als Illusionen sind. Hier zeigt sich ein interessanter Zusammenhang zur Philosophie Platons und zum viel später entstehenden deutschen Idealismus, der die sichtbaren Phänomene als bloße Erscheinungsformen betrachtet, die mit den Dingen an sich nicht übereinstimmen müssen.
Das Weltmodell der Bhagavad Gita ist deterministisch. Freier Wille existiert hier höchstens als eine Abstraktion.
Deswegen hängt der Wert einer Handlung nicht von ihren ohnehin vorbestimmten Konsequenzen ab, sondern wird durch die Einstellung bestimmt, mit der sie getätigt wird.
Auch hier zeigen sich Parallelen zu anderen Werken: Hier wie in den anderen in diesem Text vorgestellten Texten werden nicht potentielle Konsequenzen wie der eigene Tod, sondern die heroische Intention als Maßstab für eine Handlung betrachtet.
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Deutsch
Die poetische Edda
In der Zeit der Christianisierung Skandinaviens entstand die sogenannte poetische Edda, welche mit Snorri Sturlusons Prosa-Edda, einem Lehrbuch für Skalden, die wichtigste Quelle für die germanische Mythologie ist. Sie enthält fast alle heute bekannten Götter- und Heldensagen in Versform.Die Sammlung beginnt mit der Volüspa, dem Lied der Seherin. In diesem Gedicht wird das gesamte "Weltenjahr", beginnend mit der Entstehung der Welt und Odins Kampf gegen die Frostriesen und endend mit der Götterdämmerung in bildgewaltiger Sprache beschrieben.
Die weiteren Gedichte handeln von Odins Austausch eines Auges gegen das Wissen über die Runen, sowie Thors Reisen, Lokis Verrat und Baldurs Tod.
Nach den Göttersagen folgen die Heldensagen, die unter vielem anderen auch die Handlung des Nibelungenlieds und der Volsungensaga nacherzählen.
Neben Sagenmaterial enthält die poetische Edda auch Gedichte wie die Havamal, die Rede des Hohen, welche dem Leser Ratschläge zum richtigen Verhalten in den verschiedensten Situationen geben.
Obwohl die Edda vermutlich im frühen Mittelalter abgefasst wurde, enthält sie Material, das zum Teil offenbar aus weit älteren europäischen Quellen stammt: So zeigen sich Paralellen zwischen Odins Kampf gegen die Frostriesen und dem Vatermord des Zeus in der griechischen Mythologie oder zwischen Thors Kampf gegen Jormundgard und Indras Sieg über eine weltumgürtende Schlange im Rig Veda, der ältesten erhaltenen indoeuropäischen Quelle.
Die poetische Edda enthält sowohl die düstere Beschreibung des heroischen letzten Kampfes der Götter gegen die Feuerriesen und über den Untergang der Welt als auch ethische und philosophische Überlegungen oder humorvolle Geschichten über Thors Erlebnisse. All diese Aspekte werden zu einem harmonischen Ganzen verbunden und geben somit den Eindruck einer Weltanschauung, welche das Leiden und den irgendwann bevorstehenden Untergang akzeptiert, ohne deshalb in Trübsinn zu verfallen, das Lachen zu verlernen, oder die Schönheit der Welt aus den Augen zu verlieren.
Die Übersetzung von Karl Simrock vermittelt gekonnt den zwischen Humor, Pathos und grimmiger Entschlossenheit wechselnden Geist dieser Gedichte.
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Deutsch
Die Volsungensaga und das Nibelungenlied
Die Volsungensaga und das Nibelungenlied sind zwei Versionen eines alten germanischen Sagenstoffes. Die Volsungensaga stammt aus Island und erzählt die Geschichte aus einer altertümlichernen, heidnischen, naturnahen Perspektive, im isländischen Sagastil. Das Nibelungenlied stammt aus dem Süddeutschland des Mittelalters und ist in Versen abgefasst. Hier mischt sich eine höfische und christliche Färbung in das Werk, kann den ursprünglichen Geist und den heidnischen Ethos der Geschichte aber nicht überdecken.Zu empfehlen sind jedoch beide Variationen des Themas:
Wo die Volsungensaga durch ihre größere Ursprünglichkeit und auch durch eine weitläufigere Geschichte, in der auch die nordischen Götter auftauchen überzeugt, glänzt das Nibelungenlied durch seine poetischere Sprache und ergreifende Atmosphäre, die der trockenere Sagastil nicht erzeugen kann.
Die Handlung erzählt zunächst von Leben und Taten Siegfrieds und später über die Konflikte und die Intrigen, die schließlich dazu führen, dass er von den Verwandten seiner Frau Kriemhild hinterrücks ermordet wird. Danach verschiebt sich das Schlaglicht der Geschichte auf Kriemhild und ihre Rache, die am Hof Etzels ihren blutigen Höhepunkt nimmt und dem Geschlecht der Nibelungen den Untergang bringt.
Die Geschichte, die von diesen beiden Büchern erzählt wird, ist nicht nur archetypisches Material, das die europäische Literatur bis in die Moderne beeinflusst und etliche Menschen in seinen Bann geschlagen hat, sie ist ein Stück des alten Europa, das aus geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit bis heute überdauert hat.
Nibelungenlied (Deutsch)
Volsungensaga (Englisch)
Njals Saga
Anders als die Volsungensaga, die eine Übertragung von mythlogischen Inhalten in den Stil der Saga darstellt, ist die Njalssaga eine typische Isländersaga.Mit einem für die damalige Zeit einzigartigem Realismus und einem eher sachlichen Stil, der oftmals durch trockenen Humor aufgelockert wird, erzählt diese Literaturgattung von Geschehnissen, die sich genau so oder ähnlich wie geschildert und in für den Author nicht allzu ferner Vergangenheit abgespielt haben.
Der trockene und knappe Stil, durch den der Leser schon nach wenigen Seiten mit Informationen, Namen und Zusammenhängen überhäuft ist, erschwert den Genuss ein wenig. Mit genügend Geduld lohnt es sich allerdings, in die ungeheuer weitläufige Handlung einzutauchen und man findet Geschmack an der geradlinigen Sprache und dem grimmigem Humor der Saga.
Die Handlung lässt sich in die Geschichte und auch in die Geographie Islands einfügen, was einen weiteren Reiz ausmacht.
Sie erzählt die Geschichte einer jahrzehntelangen Blutfehde, in deren Zentrum der berühmte Krieger Gunnar und der weise Rechtsgelehrte Njal stehen. Sie beginnt lange bevor diese beiden Figuren zum ersten Mal auftreten und endet erst einige Zeit nach beider Tod.
Dazwischen liegen Zweikämpfe, kleinere Schlachten, Intrigen, Verhandlungen und Treueschwüre.
Neben dem Kampf sind vor allem die Gesetze und die Rechtsprechung des alten Island ein wichtiges Thema. Fast ebensoviele Konflikte wie mit dem Schwert ausgefochten werdem, diskutiert man auf dem Allthing, der damaligen Rechtsprechenden und Gesetzgebenden Versammlung.
Damit bietet und die Njalssaga einen tiefen Blick in ein vergangenes heroisches Zeitalter, ohne dabei das Alltägliche auszulassen und einen unrealistischen Eindruck zu erwecken.
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Deutsch

