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04. November 2008

Religion und Spiritualität

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Religion und Spiritualität


Wir beobachten eine zunehmende Säkularisierung unserer Gesellschaft. Die Überwindung des religiösen Dogmatismus, die Überwindung von festgefahrenen, gutbürgerlichen Werten ist in der Tat schon seit der Aufklärung zugange - und das mit vollkommener Berechtigung. Ist jedoch die totale Säkularisierung, welche zwangsweise auch mit dem Bruch von Traditionen einhergehen muss, die Lösung des Problems oder nur ein weiteres Symptom davon?

Die Menschen verbannen den Gottesbegriff, den Begriff der Transzendenz aus ihrem Leben. Seltsamerweise behalten sie jedoch die Moral - auch wenn es nun keinen abrahamitischen Gott mehr gibt, bleibt dennoch das dazugehörige Wertesystem erhalten. Das Ergebnis ist westlich-säkulärer Humanismus.
Dieser westlich-säkuläre Humanismus gründet seine Anschauungen auf moderne Wissenschaft. Die wissenschaftlichen Erkenntisse, die man gewonnen hat, haben tatsächlich so etwas wie eine Ernüchterung hervorgerufen. Die Aufklärung, so notwendig sie auch war, hat zur Trennung von Religion, die Welt des Glaubens und Wissenschaft, die Welt des fassbaren Wissens geführt. Jedoch ist es ein fundamentaler Fehler, Religion und Wissenschaft als unvereinbar anzusehen. Betrachten wir historische Hochkulturen, sehen wir, dass beides immer miteinander verbunden war - es waren die Gelehrten und Wissenschaftler, die sakrale Positionen wie das Priesteramt innehatten.
Die Naturwissenschaft bietet sachliche Modelle zur Erklärung von Ereignissen und Umständen, sie besagt jedoch niemals, was diese Erklärungen für uns bedeuten können, sie haben auch keine Aussagekraft, was Prinzipien jenseits dieser Erklärungsformeln sind oder sein können. Man kann mit ihnen nur beschreiben, wie Summen aufeinander wirken - das Ergebnis, unsere Welt und unsere Vorstellungen sind aber Produkte, die mehr als die Summe ihrer Faktoren sind.

Modernistische Atheisten wie Dawkins machen einen fundamentalen Fehler: Sie nehmen das schlechteste der abrahmitischen Religion und übertragen es auf Spiritualität im Allgemeinen. Die Tatsache, dass die meisten Menschen ohne Spiritualität oder gar Religion nicht auskommen, begegnen sie mit einem unterschwelligen Ersatzglauben an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft, sogar mit der Behauptung, dass man auch Ethik usw. aus ihr ableiten kann - mit dem Ergebnis, an säkulären Humanismus zu glauben. Der Beweis für die Trefflichkeit dieses Modells steht allerdings aus; man tappt eher in die "Glaubensfalle", die man zu umgehen gedachte. Das ist ihnen natürlich aufgefallen, und jetzt streben diese Humanisten dazu, Trans-Humanisten zu werden, nicht, in dem sie den Humanismus überwinden, sondern indem sie den Mensch genetisch manipulieren, ideologisch erziehen und staatlich unterdrücken wollen (ganz nach orwellscher Vision), das, was ihn erst zum Menschen macht, das was ihn in der Realität verwurzelt, die Kraft, mit der er gestaltet, sein Glaube an sich und sein Schicksal - seine ganze Spiritualität will Dawkins und co. ERSETZT, herausgeschnitten sehen, um einen langweiligen Kultureinheitsbrei an die jeweilige Stelle zu setzen der aufgrund seines Schicksals-Unglauben unfähig ist, ätherische Kultur zu erschaffen.
Das Produkt wäre ein durchschnittlicher, instinktloser aber wahrscheinlich überaus toleranter Humanist, der sich durch rein gar nichts auszeichnet und wahrscheinlich ohne dieses rückhaltgebende System keinen Augenblick in der harten Realität überleben würde, die eben dazu neigt, jene auszusieben, die sie verneinen und mit einem mit ihr nicht korelierenden System der Sinneseinlullung ersetzen wollen. Das Produkt wäre kein Lebewesen, es wäre eine Maschine, ein Decadént-an-sich. Das ist es auch, was diese fortschrittsgläuben Transhumanisten sind. Die Unterstützer selbiger rekrutieren sich aus den Lagern, aus denen sich auch Leftisten, Internationalisten und Materialisten rekrutieren.

Materialisten argumentieren, dass "Götter" physisch nicht existent sind - das nehmen sie dann, wohl mangels eigenen Geists, als Argument dafür, dass es keine gibt. Rationalität postulierend vergessen sie jedoch ihren Geist. Götter, göttliches und göttliche Prinzipien sind ewig-wiederkehrende Archetypen, mögliche(!) transzendente Prinzipien, die mit der physischen Realität kommunzieren, mit ihr interagieren, und beschreiben, wie denn selbige bewertet, empfunden und gelebt wird, heilig-magisches, ewig-unerklärliches. Unser innerstes Unterbewusstsein und seine zahlreichen Facetten, unser Verhältnis zu der Natur um uns und -natürlich- zu unseren Mitmenschen werden davon affektiert. Jede Kultur (und ich mache nicht den Fehler, Kultur von Spiritualität zu trennen) hat ihren eigenen Lebensweg, seine eigene Ästhetik(Kulturen sind weniger rein funktionell aufgebaute Konstrukte, vielmehr Ästhetik), eben weil wissenschaftlicher Atomismus keinerlei konkrete Bedeutung für unser Leben hat, haben kann. Das ist der konstruktivistische Teil unserer Ansicht. Selbst die Elektronenteilchen, die ganzen physikalischen Modelle der Wissenschaft sind nur Interpretationen, hingedacht, konstruiert, um sich etwas erklären zu können, was sonst nicht da wäre. Es wird einfach ein System übergestülpt, dessen Aussagekraft für absolut genommen wird. Das ist keine Grundlage für einen Wissenschaftsglauben.

Dabei ist der Atheismus (genau wie Nihilismus) zu sehr mit Vorurteilen bedacht und missverstanden. Er postuliert nur, dass es keine greifbaren, absoluten metaphysischen Entitäten gibt - damit negiert er einen entsprechenden Anspruch abrahamitischer Religionen. Und auch nur diesen. Per se beschwört er nicht die Unzulänglichkeit von Naturreligion, Pantheismus oder anderen spirituellen Strömungen. Wie hätte sich Nietzsche wohl gegen seichte "Atheisten" wie Dawkins gewehrt?
Für den Atheisten FWN war der dogmatische Wahrheitsanspruch der Kirche, der einen Affront gegen den denkenden, kreativen Menschen darstellt, höchst zuwider. Dabei machte er selbstredend nicht den Fehler, in eine Modernitätsfalle zu tappen und Glauben, Spiritualität insgesamt zu verdammen.

„Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es obenauf ist, seine Tugenden, – es projicirt seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich ist, will abgeben; ein stolzes Volk braucht einen Gott, um zu opfern … Religion, innerhalb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der Dankbarkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen Gott.“
– Friedrich Nietzsche


Er bringt damit einen weiteren Aspekt ins Spiel: Das der Dankbarkeit. Die Dankbarkeit, am Leben zu sein, ist die Lebensbejahung, für die Nietzsche stritt und für die wir hier und heute einstehen wollen. Das Leben ist ein Geschenk, nichts ist selbstverständlich - alles ist kostbarstes Gut, und wir werden ihm nur gerecht, in dem wir Freude und Respekt für die Schöpfung aufbringen. Der moderne Mensch kann nicht mehr danken, ist er übersättigt von einem vorausgesetzten Überfluss.

Ein hervorragendes Beispiel für das Wechselspiel zwischen Religion und gesunder Staatslenkung (das wohl immer gegeben sein muss, da bisher noch kein irreligiöser Staat und keine atheistische Kultur ihre Überlebensfähigkeit unter Beweis gestellt haben) führt abermals Nietzsche an, indem er sich auf die altindischen Brahmanen bezieht:

"Mit Hülfe einer religiösen Organisation gaben sie [die Philosophen] sich die Macht, dem Volke seine Könige zu ernennen, während sie sich selber abseits und ausserhalb hielten und fühlten, als die Menschen höherer und überköniglicher Aufgaben".

"Den gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen und zum allgemeinen Nutzen da sind und nur insofern dasein dürfen, giebt die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art, vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung und Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immer geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich, sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend."


Wir wollen uns nicht für ein starres, dogmatisches System entscheiden, es für absolut nehmen, sondern spielend, tänzerisch mit den mannigfaltigen Ausdrücken der Spiritualität umgehen, die wir um unsere innersten, festesten Prinzipien gestalten und die mit ihnen kommunizieren. Faustgrobe Antworten - wie könnten wir sie uns gefallen lassen?

Wie man diese Spiritualität, Religion, diesen Atheismus (oder wie man es auch immer nennen möchte) gestaltet, ist Nebensache, beachtet man die vorgetragenen Prinzipien (wir sind nicht nur Werte-Umstürzer sondern Neuschaffer). Aber es ist auch unser großes Schicksal, sowie wohl das Schicksal aller zukünftigen Generationen von Freigeistern, diesem verworrenen, unklaren Pfad der Seele zu folgen. Scheuen ihn wir nicht und beschreiten ihn erhobenen Hauptes.
Wigr

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