08. Oktober 2008
Die Tradition des Zen
Die Tradition des Zen
Wenn wir heute bei der Suche nach einer Sorte von Mensch, welche uns als Vorbild für unser Verhalten dienen kann, Ausschau halten, richten wir unseren Blick gerne auf die antiken und mittelalterlichen Gesellschaften: Edle Ritterorden und weise Stoiker im Westen, Samurai und Kshatriya im Osten, und viele andere.Wenn wir nun speziell die Samurai, die alte japanische Kriegerkaste, in nähere Betrachtung ziehen, wird uns auffallen, dass ihre Disziplin und ihr Ehrenkodex des Bushido untrennbar mit der Zen-Philosophie, der sogenannten "Religion der Samurai", verwachsen ist. Doch was ist Zen?
Das Wort Zen leitet sich vom chinesischen chàn ab, welches wiederum vom Sanskritwort dhyana abstammt, welches einen Zustand der Meditation oder der "tiefen Versenkung" beschreibt. Zen ist eine der späteren Entwicklungen des Buddhismus, welcher der Schule des Mahayana (das große Fahrzeug) entstammt, und sich dabei doch an die Prinzipien des Ur-Buddhismus, eines Buddhismus vor der Auftrennung in verschiedene Schulen, annähert. Er wurde etwa im sechsten Jahrhundert vom indischen Weisen Bodhidharma in China eingeführt. Trotz der fortschreitenden Amerikanisierung und Globalisierung, und der daraus resultierenden Vernichtung jeglichen Kulturguts, hat die Philosophie des Zen bis heute wenig an Bedeutung in den traditionellen Kreisen der japanischen Gesellschaft eingebüßt. Tatsächlich ist es heute noch schwierig, in Japan Menschen anzutreffen, welche nicht zumindest in einigen Aspekten ihres Lebens mit Zen in Berührung gekommen sind, und in der militärischen Ausbildung werden Zen-Praktiken noch immer als Teil der Vorbereitung für den Militärdienst eingesetzt.Wie in allen anderen Schulen des Buddhismus, steht auch im Zen das Erreichen eines Zustandes namens nirvana im Mittelpunkt. Die im Westen heute weit verbreitete Ansicht, dass es sich hierbei um einen Zustand des Nichts, als einer Flucht in die Leere handelt, ist völlig falsch. Im Zen wir der Zustand des nirvana als ein Zustand vollkommener persönlicher Befreiung angesehen, welcher nach der Auflösung des Egos zum Verschwinden von Furcht, Beklemmung und Besorgnis führt. Die Zenphilosophie besagt, dass sich dieser Zustand nicht einer Weltflucht (etwa ein Leben im Kloster, abseits der Gesellschaft), sondern im alltäglichen Leben realisieren lässt. Ein Kenner japanischer Kultur wird wissen, dass solche Alltäglichkeiten wie Teezeremonien (chanoyu oder chadō), das Schauspiel (kabuki), oder selbst die Kunst des Blumenarrangierens (ikebana), in traditionell japanischer Kultur einen "rituellen" Charakter erhalten. In der traditionellen Weltanschauung wird oft die Ansicht vertreten, dass die zuvor beschriebene innere Erleuchtung oder Befreiung (satori) der Meisterung einer (auch profanen) Kunst immer vorangehen muss.
Das zuvor erwähnte Wort satori sollte hier nocheinmal erwähnt werden, um einen weiteren bedeutenden Unterschied zu anderen heute weit verbreiteten Schulen des Buddhismus aufzuzeigen: Wir haben das Wort zuvor als "Erleuchtung" und "Befreiung" übersetzt, genauer ist aber "Erwachen" oder "Erkennen". Dies ist insofern von Bedeutung, da, laut Zen, der Zustand des nirvana den eigentlichen normalen Zustand des menschlichen Daseins darstellt, zu dem der Mensch aber erst erwachen muss. Jeder Mensch ist befreit, jeder Mensch hat in sich selbst die Natur eines Buddha, er muss dies nur in seinem tiefsten Inneren erkennen.
Für den Nihilisten von heute, der aktiven Widerstand gegen die Irrlehren des modernen Zeitalters leisten will, ist der Zen eine äußerst attraktive Doktrin, da er das endlose Studieren alter Schriften, das Sich Zurückziehen von der Welt und heuchlerische Moralismen und Humanismen strikt ablehnt, um sich stattdessen völlig auf klare, im alltäglichen Leben realisierbare Techniken zu beschränken.
Sollte nun der geschätzte Leser Interesse an der Tradition des Zen entwickelt haben, dem möchte ich hiermit das Buch "Zen - The Religion of the Samurai" von Julius Evola als Einstiegslektüre wärmstens empfehlen.
Niklas T.

