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04. Oktober 2008

Moderne Philosophie

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Moderne Philosophie

Nun hat es sich schon fast in allen Köpfen eingebrannt: Der Philosoph ist ein realitätsfremder Wortjongleur, der sich mit praxisuntauglichen Abstraktionen beschäftigt. Zweifelsohne ist der durchschnittliche Universtitätsstudent auch dergestalt geartet, hat man von diesen tintenklecksenden Institutionen doch nicht mehr als ein dumpfes Wiederkäuen zu erwarten. Einen hohen Stellenwert hat die Philosophie in unserer Welt keinen, oder zumindestens einen gering bemessenen für die Volkswirtschaft, da ja nichts "materielles", das Nonplusultra dieses Zeitalters, kein "Produkt" fabriziert wird. Wird man dieser geschichtsträchtigen Wissenschaft durch diese Betrachtungsweise aber überhaupt gerecht?

Philosophie, das heißt wörtlich "Liebe zur Weisheit" - Philosoph wird man nur, wenn man die Weisheit liebt. Nicht deswegen, weil man mit ihr besonders viel Geld verdienen kann. Das sollte auch keineswegs so sein, dann würde die Philosophie zu einer Profession wie irgendein Handwerk werden, eine Tätigkeit, die man in erster Linie zum Geldverdienen ausführt, nicht um ihrer selber Willen.

"Warum Philosophie? Hat nicht jeder irgendwie eine andere Lebensauffassung, kann sie sich nicht jeder selbst konstruieren, ohne sich von anderen leiten zu lassen?"
Philosophie ist nicht das Artikulieren von Meinungen. Es beschäftigt sich mit dem, was dahinter, was über den Meinungen ist, was die Meinungen zusammenhält, was für Konsequenzen es für unsere Ansichten und Weltgeschehnisse hat und so fort. Philosophie versucht die ideelle Wahrheit zu tangieren, die materiell nicht absolut erreicht werden kann - glücklicherweise! Was wäre das doch für eine langweilige Welt, in der eine absolute Wahrheit universell projiziert werden kann. Dank abrahamitischer Religion, westlich-sekulärem Humanismus und fanatischem Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft finden wir sie, wenn wir auf die Straße gehen. Warum dann aber sich mit Alternativen beschäftigen?

Alles Interpretieren geschieht mit Zeichen und Symbolen. Es sind kreative Konstrukte, Interpretationen von Naturgesetzen. Auf diesen Zeichenkonstrukten bauen sich andere Zeichenkonstrukte auf, und so weiter. Die Zeichen sind mehr oder weniger logisch sich selbst bedingend, mehr oder weniger realistisch, je nachdem. Jede Kultur hat aufgrund anderer Lebensumstände, Schicksale und anderer Genetik andere Zeichen, die sie verwenden, die aber alle nach universellen Grundprinzipien ablaufen, dennoch unterschiedlich und demzufolge nicht mit anderen Zeichensystem kompatibel sind - unser Zeitgeist behauptet entgegen jeder Erfahrung, dass entweder eine pluralistische Gesellschaft konstruktiv bestehen kann oder westlich-humanistische Werte global applizierbar sind. Kein organisches Zeichensystem lässt sich wirklich als falsch darstellen, aber ob es Bestätigung in der Realität findet oder ob es sich mit Irrationalität über dem seichten Gewässer der Natur zu halten versucht, lässt sich mit eingehender, verstandesmäßiger Untersuchung der Beschaffenheit der Zeichen, nicht des Scheins selbiger beurteilen (frei nach Kant). Das erst ist Philosophie. Man prüft den Zeichenaufbau auf Kohärenz der Zeichen, baut konstruierte Zeichen ab, bis man zum Urgrund gelangt und selbigen wiederum metaphysisch zu kategorisieren versucht.

Warum höre ich so selten von Leuten, die sich mit Quantenmechanik beschäftigen, während diejenigen, die als Interesse Philosophie angeben Legion sind? Die Philosophie ist qualitative Quantenmechanik, also von einem ähnlichen Anspruch. Ist es nicht so, dass man das "Philosophieren" mit bloßem kritischen Nachdenken vertauscht? Bloßes Nachdenken hat selber nichts mit Transzendenz, transzendentalem oder gar - mit Verlaub! - transzendentem Denken zu tun. Philosophie ist eine esoterische, komplexe Wissenschaft, kein sophistischer Steinbruch für jedermann, in dem er raushauen kann, was ihm gefällt. Dieser Raubbau an der Philosophie ist Grund dafür, dass man der Liebe zur Weisheit, der wahren Wissenschaft, einen so geringen Stellenwert anerkennt.

Platon postulierte die aristokratische Herrschaft der Philosophen. Aristokratie heißt für ihn nicht, dass irgendwelche dekadenten Adligen die Staatsführung übernehmen sollten. Diese Bedeutung ist erst durch eine krasse Degenerierung des europäischen Adels und der Anschauung des Adles in den letzten Jahrtausenden entstanden. Aristokratie heißt, die Herrschaft der "Besten" - best Geeignetsten. Die intellektuelle Elite, vergleichbar mit dem Navigator eines Schiffes, sollte die Aufgabe der Staatenlenkung haben. Nicht diejenigen, die selbstsüchtig realitätsfremde Abstraktionen postulieren, masturbieren oder auf materialistische Genugtuungen aus sind.

Die indoeuropäischen Brahmanen im alten Indien kamen dieser vernünftigen Aristokratie sehr nahe. Die esoterische, intellektuelle Elite, die auch spirituelles Wissen innehatte und durch Riten zu vermitteln wusste, hatte die Herrschaft über den Staat inne. Die organisch enstandende Religion war perfekt, um als Herrscher leiten zu können und um den anderen Kasten (nicht schlechteren Kasten) einen konstruktiven, menschlichen Konsens zu geben.

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass der Philosphie mehr Respekt zugute kommt. Auch sollte es nicht zu einer oberflächlichen Sache für jedermann werden, sondern nur für diejenigen ausübbar, deren Schicksal diese ewige Liebe ist. Die, die sich bloß ansatzweise und halbwissend mit ihr beschäftigen, aus irgendwelchen aktuellen Umständen heraus, oder schlimmstenfalls aus bloßer Nachäfferei und Gefallsucht, dürfen nicht für den schlechten Ruf der Philosoph verantwortlich sein. Einem durchschnittlichen Philosophie-Studiengang der Moderne die Aufgabe der Staatslenkung zu überreichen halte ich für höchst fragwürdig.
Wigr


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