Pachelbel: Kanon in D-Dur
Pachelbel: Kanon in D-Dur
Von Arntor, 22. Oct. 2006
Als bedeutender deutscher Organist und Komponist aus der Zeit des Hochbarocks vermittelt Johann Pachelbel mit seinen Werken den Zeitgeist dieser - je nach Betrachtung - ästhetischen, bizarren oder gar dekadenten Epoche. Neben Choralbearbeitungen und Orgelchorälen erlangte Pachelbel in erster Linie durch seinen "Kanon in D-Dur" einen bis in die Moderne relativ hohen Bekanntheitsgrad.
Der Kanon basiert auf der durchgehend verwendeten Bassfigur des Generalbasses mit der zweitaktigen Akkordfolge D - A - h - fis / G - D - G - A - als einprägsame Harmonie-Folge wird diese Figur gegenwärtig in verschiedenen Richtungen der modernen Unterhaltungsmusik verwendet. Die drei darauf aufbauenden Kanonstimmen - im barocken Orchester Violinen - spielen insgesammt 28 Variationen des Kanon-Themas im 4/4-Takt.
Es sind also geordnete Strukturen, vorhersehbare und simple Formen, mit denen der barocke Komponist arbeitet. Über diese Tatsache, diese ungewollte Hommage an die Primitivität menschlicher Natur, selbst in einem scheinbar hochkulturellen Zeitalter von Absolutismus und Galanterie, täuscht das komplexe, polyphone und äußerst vielseitige Resultat der zahlreichen Variationen voll und ganz hinweg. Grundlegende Ursprungsformen werden mattiert und verwischt, verschwimmen, verlieren scheinbar ihre Bedeutung und werden schließlich gänzlich von den flexiblen, rhythmisch variablen, tempo- und intervallreichen Melodieabläufen der Kanonstimmen überdeckt. Die Sprache der Musik nimmt eine ausschweifende, reich ausgeschmückte, galante, von Höhen und Tiefen gezeichnete Form an, die über die in Wirklichkeit vorhandene Inhaltsleere hinwegtäuscht.
Als Organist bzw. Hoforganist sowie Bediensteter der Adelsschicht war Johann Pachelbel Teil eines absolutistischen Systemes, in dem Kunstform und Weltbild vom höfischen Leben der herrschenden Gesellschaftsklasse sowie - z.T. widersprülich dazu - der Dogmatik des Christentums abhingen.
Ein wichtiger geistiger Grundzug des Zeitalters war der "Vanitas"-Gedanke ("Nichtigkeit", "Eitelkeit"), zusammen mit der Erinnerung an den antiken Leitsatz "Memento mori";
Jenseitsglaube sowie Diesseitsbezogenheit trafen aufeinander und ergaben eine kontroverse und zu Desorientierung leitende Weltanschauung, die sich in allen Bereichen der Kunst zeigte. Laut Vanitas unterliegt alles Irdische dem stetigen Zerfall; Schönheit, Macht und Leben sind zeitlich streng begrenzt, die einzige Gewissheit der Existenz ist ihre Endlichkeit. In einer frühen, primitiven, pessimistischen Form des Nihilismus wird die irdische Realität damit als nichtig ("eitel") und permanent dem Tod entgegenlaufend aufgefasst.
Während diese Betrachtungsweise von der kirchlichen Dogmatik verwendet wurde, um die Existenz des Jenseits zu untermauern und um die außeruniverselle theistische Ewigkeit als Antithese zum irdischen Verfall aufzustellen, entstand abseits der katholischen Dogmen eine andere Auffassung der Vanitas-Vorstellung:
In Rückbezug auf die antiken Geisteswissenschaften bzw. Weltanschauungen wurde der Wert des Diesseits, der irdischen Vergnügen, der künstlerischen Schöpfungen,
des Lebens allgemein, gerade wegen der stets präsenten Todesgewissheit, hochgesetzt - die christliche Definition des irdischen Lebens als Leidensweg zum ewigen Jenseits wurde damit verneint.
Diese Auffassung, die in Verbindung mit der zeitgenössischen christlichen Dogmatik zu kulturellen Konversitäten führte, zeigte sich in Lebensweise und Kunst: Die Wertschätzung des Irdischen, gepaart mit dem Bewusstsein des ewigen Zerfalls, wurde durch reich bis übertrieben verzierte Bauwerke, realitätsorientierte, dennoch befremdlich wirkende Gemälde (Stilleben), Galanterie, ihr Ziel oft durch Exaggeration verfehlende Eleganz, Üppigkeit und Pomp in Lebensstil etc. demonstriert. Auch Literatur/Lyrik passten sich dem Gesamtbild durch reiche Sprache sowie dem immer wieder konkret erwähnten Vanitas-Gedanken, die durch die häufige Verwendung der Antithese dargestellte Kluft zwischen teilweise fast überschäumender höfischer Lebensfreude und düster realisiertem Vergänglichkeitsbewusstsein, an.
Die Sterblichkeit, sei es nun die Sterblichkeit des Individuums, die der Kunst oder die der vom Menschen aufgefassten Realität als Gesamtes, wird nicht verleugnet, sie wird verzerrt - und dies zeigt sich ebenfalls in der barocken Musik, so auch in Pachelbels Kanon. Es ist fraglich, ob Pachelbel mit seinem Kanon die Vertonung des Zeitgeistes anstrebte, wie es später die Virtuosen der Klassik und Romantik taten; seine Intention lag viel eher im Schaffen leichter, der Epoche entsprechender Unterhaltungsmusik - und auch dadurch ist der Bezug zum Zeitgeist äußerst präsent, wenn auch nicht als grundlegende Absicht.
In den reich ausgeschmückten Melodien sowie der oberflächlichen Fröhlichkeit erkennt man unschwer einen Hang zu unterschwelliger Melancholie. Die simplen, in den Hintergrund gerückten Grundstrukturen und schließlich die oben beschriebene, mit aller Macht überspielte, aber dennoch vorhandene Inhaltsleere, akzeptieren den Tod als verschwommenen, verzerrt wahrgenommenen und wiedergegebenen, aber letztendlich unumgänglichen Teil der Existenz.
Dennoch, gerade wegen stets präsentem Vergänglichkeitsbewusstsein und
Oberflächlichkeit, der Euphemisierung der Realität, schuf Johann
Pachelbel mit seinem Kanon ein Werk, das seine eigene Art von Ästhetik
und Anmut ausstrahlt.
Ursprünglich veröffentlicht auf www.frostlohe.de

