20. September 2008
Der Tod Balders
Der Tod Balders
In der nordischen Mythologie ist Balder der Gott des Lichts, der Schönheit und der seelischen Hochstimmung. Er symbolisiert alles Reine und Erhabene - und erleidet den Tod durch eine List.
Über die Träume von seinem Tod besorgt, geht Frigg, Balders Mutter im Frühjahr dahin, um alles auf der Welt schwören zu lassen, ihm nichts anzuhaben. Loki jedoch, der listenreiche Gott, bekommt mit, dass die Mistel, die erst im Herbst reift, von diesem Eid unglücklicherweise ausgenommen wurde und lässt in einem Spiel den blinden Hödur, Balders Bruder mit dem Mistelzweig auf Balder schießen. Balder stirbt und geht ein in Hels Reich. Alle Versuche der Götter, Balder wieder aus dem Reich zu holen, bleiben früchtelos.
Der Tod Balders symbolisiert, dass alles Schöne, Hohe, Edle in der Welt durch List, Niederträchtigkeit und Betrug den Tod erleidet.
Die Mistel, mit der Balder erschossen wird, ist ein Fruchtbarkeitssymbol. Hödur, der Unglücksschütze, ist blind und ihm wird zugeschrieben, aufgrund diesen Umstands Menschen nur nach ihren inneren Werten zu beurteilen.
Dieser Mythos ist keine zufällige Aneinanderreihung von Umständen und bunten, unterhaltsamen Bildnissen: Vielmehr ist es organischster Ausdruck der Lebenseinstellung und Weltanschauung der germanischen Spiritualität. Eine niederträchtige List veranlasst das Ideelle, die Schönheit, das Hohe und das Erhabene mit der Fruchtbarkeit zu töten - woraufhin die Welt um dieses Märtyrium trauert. Wir finden in unserem Leben und der Weltgeschichte viele Analogien - das Ehrliche wird missbraucht, um das Hohe zu töten. Dennoch soll der Tod nicht fruchtlos bleiben.

Loki ist nicht "das Böse" im dualen Sinne. Manchmal sind seine Fähigkeiten hilfreich, meistens jedoch ungezügelt und ungerecht. Erst die situationsabhängige Bewertung, die sich mit den Hintergedanken und den Auswirkungen seiner Taten beschäftigt, lässt einem zum Urteil gelangen: Das "Schlechte" ist genauso Teil unserer Welt wie das "Gute".
Das Schöne mag sterben, durch das Niedriggesinnte tatsächlich verdammt sein, aber es stirbt einen Heldentod, den Tod Fausts. Wir verstehen auch, dass es in der Welt keine endlose Erhabenheit geben kann, dass Schicksalschläge oder eben schlechte Umstände stets das Licht verdunkeln mögen. Wir akzeptieren dies als natürlichen Lauf der Dinge (wie Frühling und Herbst) und streben dennoch kraftvoll und mit seelischer Hochstimmung zum Licht.
Einen Sprung in das 20. Jahrhundert. Als stolzer Mensch kennt man Balders Situation fast ähnlich; tagtäglich die Viel-zu-Vielen, die einen durch ihre niedrige Gesinnung manipulieren wollen, um ihre Interessen zu verwirklichen. Henry Miller hat einen eindrucksvollen Gedankengang dazu verfasst:
"Wenn es einen Menschen gäbe, der wagte, alles zu sagen, was er von dieser Welt gedacht hat, bliebe ihm kein Quadratmeter mehr, um sich darauf zu behaupten.
Wenn ein Mensch erscheint, stürzt sich die Welt auf ihn und bricht ihm das Rückgrat. Immer sind zu viele morsche Säulen stehengeblieben, zuviel verfaulte Menschheit, als
daß ein Mensch aufblühen könnte. Der Überbau ist eine Lüge und das Fundament eine riesige zitternde Angst.
Wenn in Abständen von Jahrhunderten ein Mensch mit einem verzweifeltem, hungrigem Blick in den Augen auftritt, ein Mensch, der die ganze Welt umwälzen würde, um ein neues Geschlecht zu schaffen, wird die Liebe, die er in die Welt mitbringt, in Bitterkeit verwandelt und er wird zur Geisel.
Wenn wir dann und wann auf Seiten stoßen, die verwunden und schmerzen,
die einem Seufzer, Tränen und Flüche abringen, dann sollt ihr wissen, daß sie von einem aufrechten Menschen stammen, einem Menschen, dem keine andere Verteidigung übrigbleibt als seine Worte, und seine Worte sind immer stärker als
das verlogene, erdrückende Gewicht der Welt, stärker als all die Foltern und Räder, die die Feigen erfinden, um das Wunder der Persönlichkeit zu vernichten.
Wenn es je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat, auszusprechen, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich, ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke,
die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusamensetzen, aus denen die Welt bestand. - Henry Miller, 1932"
Niedere, gescheiterte Menschen versuchen ständig diejenigen, die noch Leben und Seele in sich haben, herunterzuziehen. Sie müssen keine schlechten Menschen sein, auch wenn ihr Tun schlecht, ihre Motivation schlecht ist. Sie dürfen nur nicht die Macht über uns oder irgendetwas im Leben haben, wenn es gilt, das Leben zu bejahen. Wie Loki die Strafe bekam, so sollten sie ihre bekommen, wagen sie es dennoch.
Die Geschichte über Balders Tod hat eine Ähnliche Quintessenz wie das Zitat von Henry Miller. Balder ist wie Faust, sein Tod ist das Märtyrium der Schönheit, dass uns daran erinnert, was wir in dieser Welt wirklich für wertvoll erachten - und was wir verurteilen und ahnden wollen.

Wigr

