10. Januar 2008
T. Kaczynski an L. Dammbeck
Theodore Kaczynski an Lutz Dammbeck
By Theodore Kaczynski, 9. Nov. 2007
GNUS-Vorwort
Auch wenn er sich sicher gegen diese Bezeichnung sträuben würde, hat T.K. mit seinem antitechnologischen Manifest "Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft" wohl eins der bedeutendsten philosophischen Werke der Neuzeit verfasst, welches von der Allgemeinheit aufgrund T.Kaczynskis extremen Handlungen ignoriert wird, paradoxerweise aber erst dadurch Gehör von ihr bekam .
Unabhängig davon, ob man mit seiner Radikalität und Kompromisslosigkeit, ja mit seinem Kulturpessimismus konform geht, entlarven seine logischen Schlussfolgerungen morsche Prinzipien der Moderne und die Neurosen "moderner" Menschen. Um Letztere geht es auch im nachfolgenden Text, eine Antwort auf Lutz Dammbecks Brief - hängt die zunehmende Dekadenz mit einer Entfremdung von der Natur zusammen?
Lutz Dammbeck hat den Dokumentarfilm "Das Netz" gedreht, ein Film über Technologie, moderne Kunst und, im Kontext dazu, den Unabomber, mit dem er auch Briefwechsel führte. GNUS dankt ihm für die Genehmigung, den Ausschnitt hier zu veröffentlichen. Für weiter Interessierte empfiehlt er www.t-h-e-n-e-t.com
" In Ihrem Brief vom (-), auf Seite 4, schreiben Sie, daß ich unter „harten Bedingungen und mit dieser Natur“ gelebt hätte. Und Sie fahren also fort:
“Es ist mir unvorstellbar, wie Sie z.B. mit diesen Schwierigkeiten in einem harten, schneereichen Winter umgegangen sind. Wie es Ihnen als einem Wissenschaftler und Intellektuellen unter solchen harten Bedingungen möglich war, intellektuell zu arbeiten und sich die ungebrochene geistige Kraft und den Humor zu bewahren, der aus Ihren Briefen spricht.“
Dies muß ich beantworten. Erst muß ich jedoch darauf hinweisen, daß ich Ihnen wiederholt mitgeteilt habe, daß ich kein Wissenschaftler sei.
Ich bin auch kein Intellektueller, wenn ein Intellektueller ein Mensch ist, der die intellektuellen Betätigungen (z.B., Studieren, Denken, schreiben, Kunst, usw.) hoch schätzt und sein Leben mit solchen Betätigungen verbringt. Mir sind die intellektuellen Betätigungen nur ein Mittel oder eine bloße Belustigung, und ich würde sie lieber entbehren. Aber leider ist das Studieren und das Denken notwendig als Mittel, um gewisse Zwecke zu verfolgen; und wenn auch sie nicht notwendig als Mittel wären, dennoch würde ich etwas brauchen, womit ich mich in diesem Gefängnis beschäftigen kann.
Aber jetzt befasse ich mich mit Ihrer Bemerkung über die „harten Bedingungen“, unter denen ich gelebt habe. Solche Bedingungen sind garnicht hart, vorausgesetzt, daß man daran gewohnt und angepasst ist.
Stellen Sie sich eine zukünftige Gesellschaft vor, in der alle Leute von Geburt an in motorisierten Rollstühlen aufwüchsen, so daß ihre Beine äußerst schwach wären und sie kaum zu Fuß gehen könnten. Diese Leute würden auf das Zwanzigste Jahrhundert zurückblicken und denken: „Was für Schwierigkeiten mußten die Menschen jenes Jahrhunderts ertragen! Wenn sie von der Küche zum Badezimmer gehen wollten, mußten sie zu Fuß gehen! Wenn sie in das Auto einsteigen wollten, mußten sie erst mindestens fünf oder sechs Meter zu Fuß gehen! Wie konnten sie so harte Bedingungen aushalten?“
Natürlich würden uns solche Leute leid tun; wir würden sie für unglückliche Krüppel halten. Aber wir selbst gleichen in gewissem Maße solchen Krüppeln. Unser „Rollstuhl“ ist die moderne Zivilisation, in der wir so verwöhnt aufwachsen, daß wir schwach werden, und die Bedingungen, unter denen die Urmenschen bequem lebten, uns hart scheinen.
Die harten Bedingungen, die uns bedrücken, sind meistens psychologisch; sie sind besonders die Sorgen, der Stress. Ich glaube, daß die Urmenschen gewöhnlich wenig an Stress oder Sorgen gelitten hätten, wenn auch sie unter Gefahren lebten. Es ist schwer, das schlüssig zu beweisen, denn man hat (soviel ich weiß) wenige objektive Untersuchungen dieser Frage unter den Urmenschen, die in das moderne Zeitalter überlebten, vorgenommen. Und jetzt ist es zu spät, weil es keine Urmenschen mehr gibt, deren Kultur durch den Eingriff der modernen Zivilisation nicht schwer verletzt ist. Aber ich erinnere mich daran, von einer Untersuchung irgendwo gelesen zu haben, die zu dem Schluß gekommen war, daß die Buschmänner von Südafrika außerordentlich wenig an Stress litten.
In seinem Buch; Life in the Rocky Mountains, erzählte Warren Angus Ferris, der während eines Teils des Jahrzehnts 1840-1850 unter den Indianern gewohnt hatte, daß man manchmal einen Indianer beobachten könne, der seine Pfeife rauchend und sehr ernst und nachdenklich aussehend vor seiner Hütte hin und her gehe. Aber wenn man diesen Indianer fragte, „Woran denken Sie?“, antwortete er „An nichts.“ In einem seiner Bücher erzählte Will Durant, daß der Arktisforschungsreisende Peary einst einen Eskimo gefragt habe: „Woran denken Sie?“ Der Eskimo habe geantwortet:“Ich habe reichlich Fleisch. Ich habe es nicht nötig, zu denken.“
Wir sind vielleicht geneigt, über solche Anekdoten zu lächeln, aber sie beweisen, daß jene Leute nicht durch Sorgen geplagt waren. Der Forscher Paul Schebesta schrieb 1938 über die Pygmäen des afrikanischen Urwalds, daß diese Menschenrasse „eine ungewöhnlich derbe Natürlichkeit und Lebensfrische, eine Heiterkeit und Sorglosigkeit ohnesgleichen“ auszeichne. (Paul Schebesta, Die Bambuti - Pygmäen vom Ituri, I. Band, Institut Roal Colonial Belge, Brüssel, 1938. Seite 205.) Gontran de Poncins, der ungefähr 1938 oder 1940 unter gewissen Eskimos wohnte, schrieb: “I...sat here clad in the skins and furs of animals in a shelter built of snow, in a land and a season where a temperature of forty degrees below zero was the normal thing - and I was relaxed, content, happy. I was at peace with myself; and surely of all things in the world the rarest is a civilized man at peace with himself.“ (Gonran de Poncins, Kabloona, Time-Life Books, Alexandria, Virginia, 1980. Seite XXVI.)
„(The Eskimo) had proved himself stronger than the storm. Like the sailor at sea, he had met it tranguilly, it had left him unmoved. ...In mid-tempest this peasant of the Arctic, by his total impassivity, had lent me a little of his serenity of soul.“ (a.a.O. Seiten 212 - 213.)
„(T) ime meant nothing to them; their minds were at rest, and their sleep of the unworried.“ (a.a.O. Seite 273.)
„Of course he would not worry. He was an Eskimo.“ (a.a.O. Seite 292.)
Der Historiker James Axtell behandelt die Gründe, warum viele Weiße vor zwei oder drei Jahrhunderten vorzogen, unter den Indianern zu wohnen, aber nicht umgekehrt. Er schreibt:
„Indian life was attractive (because it offered, among other perfect freedom, the ease of living, (land) the absence of those cares and corrading solicitudes which so often prevail with us.“ (James Axtell, The Invasion Within: The Contest of Cultures in Colonial North America, Oxford University Press, 1985. Seiten 326 - 27.)
Natürlich gibt es Ausnahmen: Die Ainu litten oft an Angstzuständen. Aber die Ursache davon war keine „harten Bedingungen“ sondern ihr Aberglauben. (Carleton S.Coon, The Hunting Peoples, Little, Brown and Company, Boston, Toronto, 1971. Seite 372.)
Also sind die primitiven Lebensbedingungen, die Sie „hart“ nennen, in Wirklich- keit garnicht hart. Im Gegenteil, sind sie körperlich nicht hart und geistig und psychologisch sehr bequem, wenn man an solche Lebensweise gewohnt ist. Und weil es sehr wenig Stress und Sorgen gibt, bietet solche Lebensweise ideale Bedingungen für das Denken......(gekürzt)."
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