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10. August 2008

Chemische Markierungen beeinflussen unsere Gene

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Forscher haben herausgefunden, dass chemische Markierungen im Gehirn unsere Gene dauerhaft beeinflussen können, sowohl in negativen als auch in positiven Aspekten. Diese Markierungen entstehen durch unsere Erlebnisse und Verhaltensweisen, unsere Nahrung spielt ebenfalls eine große Rolle. Dabei werden die Gene nicht zerstört, sie werden lediglich inaktiv. Vieles deutet darauf hin, dass die Markierungen ebenfalls vererbbar sind.

[...] Verändern Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder missbrauchen, dauerhaft die Gene im Hirn der Kleinen?

"[...] Die chemische Markierung bestimmter Gene könnte nun das lange gesuchte Scharnier darstellen, über das die Umwelt auf die Erbanlagen einwirkt. Besonders durch das Anhängen oder Entfernen von Methylgruppen, die sogenannte Methylierung, verändern Zellen die Aktivität einzelner Gene. Epigenetik nennt sich das Forschungsfeld, das sich diesen Vorgängen widmet.

[...] Die Erlebnisse in früher Kindheit markieren das Gehirn", glaubt Szyf. "Diese Markierung bleibt und bewirkt irgendwann etwas Krankhaftes.

[...] Auch für die Erb- und Evolutionsbiologie könnten die neuen Befunde eine tiefe Erschütterung bedeuten. Es scheint denkbar, dass kulturelle Einflüsse und Erfahrungen biologisch vererbt werden. Lange schien es geradezu ein Dogma der Biologie, dass nur zufällige Mutationen der DNA neue Merkmale in nachfolgenden Generationen hervorbringen können.

[...] Bei einer Frau mit Darmkrebs war ein Schutzgen namens MLH1 stark methyliert und deshalb verstummt. Von ihren vier Kindern trug eines das gleiche auffällige Muster - anscheinend ist es durch die Eizelle der Mutter weitergegeben worden.

[...] Aber auch Inhaltsstoffe in der Nahrung können das epigenetische System gehörig beeinflussen. Nichts zeigt dies so eindrucksvoll wie das Beispiel der Honigbienen. Im frühen Larvenstadium sehen noch alle gleich aus. Den meisten flößen die Ammen einen Brei aus Honig und Pollen ein; sie verwandeln sich in sterile Arbeitsbienen. Einige wenige dagegen werden mit Gelée royale gefüttert; sie reifen zu fruchtbaren Königinnen heran.

[...] Auch beim Menschen stellt die Methylierung wichtige Weichen: Vor allem bis zum dritten Lebensjahr werden im Erbgut fleißig Methylgruppen hin und her geschaufelt. Chronischer Stress in dieser kritischen Phase, erklärt der Montrealer Forscher Szyf, setze bestimmte Proteine frei, die ihrerseits auf das Methylierungsmuster wirken - dadurch werden Gene regelrecht umprogrammiert. Im späteren Leben kann das fatale Folgen haben: Asthma, Fettsucht, Arterienverkalkung und Depression - all diese Erkrankungen werden von Epigenetikern mit frühzeitig falsch methylierten Zellen in Zusammenhang gebracht.

[...] Werden die Spuren von Drogenkonsum am Ende auf die Sprösslinge übertragen? Wirkt, was eine Mutter einst gegessen hat, in ihren Kindern nach? Geben Menschen, die misshandelt wurden, die Erinnerung daran an Kind und Enkel weiter? An erklärungsbedürftigen Beobachtungen jedenfalls mangelt es nicht: Väter, die bereits vor dem zwölften Lebensjahr tüchtig geraucht hatten, setzten einer englischen Studie zufolge auffällig häufig dicke Söhne in die Welt. Männer, die als Jungen in einem abgeschiedenen schwedischen Dorf eine Hungersnot überstehen mussten, hatten besonders langlebige Enkelsöhne. Und Männer, die erst im hohen Alter Vater geworden waren, hatten ungewöhnlich oft autistische Kinder.

[...] Interessanterweise setzen Ärzte schon lange Medikamente ein, die epigenetisch wirken - sie wussten es nur nicht. Valproinsäure etwa ist ein Mittel zur Behandlung epileptischer Anfälle und manisch-depressiver Erkrankungen. Es hat sich herausgestellt: Der Stoff greift in das epigenetische System ein. Die Substanz Azacytidin wiederum wird derzeit von Onkologen neu entdeckt. In klinischen Studien mit Blutkrebspatienten wollen sie damit die Methylgruppen von Schutzgenen entfernen und diese so wieder anschalten.

[...] Dabei müssen es gar nicht immer Spritzen und Pillen sein. Das zumindest lässt eine Studie hoffen, deren Befund der amerikanische Arzt Dean Ornish im Juni im Fachblatt "PNAS" veröffentlicht hat. 30 Männern, die an Prostatakrebs erkrankt waren, hatte er eine "umfassende Änderung des Lebenswandels" verschrieben: Jeden Tag mussten die Patienten 30 Minuten spazieren gehen, einem Entspannungstraining mit Yogaübungen widmeten sie sich je eine Stunde. Zu essen gab es die ganze Zeit über Obst, Gemüse, Tofu, Fischöl und Vitamine. Nach drei Monaten entnahmen Ornish und seine Kollegen Proben aus den Vorsteherdrüsen - und fanden heraus, dass in den Zellkernen plötzlich ganz andere Gene aktiv waren als vor der Vitalkur. Noch rätseln die Forscher über den genauen Mechanismus, aber vieles deutet auf die Epigenetik hin. Denn das gesunde Leben hat mehr als 400 Gene einfach auf stumm gestellt, und viele darunter sind Krebsgene."

Quelle

Unser heutiger destruktiver Lebenswandel scheint sich nicht nur auf uns, sondern auch auf unsere Nachkommen auszuwirken. Eine gesunde Kultur und ein gesundes Verhalten sind wichtig für gesunde Gene. Schaut man sich die kaputte Gesellschaft der Gegenwart an, kommt man beinahe zwangsläufig zu dem selben Schluss. Slave breeds slave...
Glücklicherweise kann man die Markierungen der Gene beeinflussen. Wenn wir unsere Lebensweise heute überdenken und uns bessern wirkt sich dies positiv auf spätere Generationen aus.

Unser Dank geht an Johann Christian für diesen Nachrichtenbeitrag

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