Philosophie und Naturwissenschaft
Philosophie und Naturwissenschaften
Von Freanan, 1. Jan. 2007
Seit der Rennaisance haben sich durch die fortschreitende wissenschaftliche Erkenntnis
nach und nach immer weitere religiöse Vorstellungen über die Natur als unhaltbar
erwiesen. So verschwand beispielsweise die Vorstellung, dass sich das Universum um die
Erde drehe und der Mensch wird nicht mehr als ein vom Tier fundamental verschiedenes
Wesen betrachtet.
Darunter hatten auch einige Theorien in der Philosophie zu leiden. Eine
dualistische Weltanschauung, die Körper und Seele, Gott und Welt trennt, wird
beispielsweise kaum noch ernstgenommen.
Es entstand eine mentale Spaltung zwischen direkt Erkenn- und Messbarem und
Geistig-Spekulativem, die man sowohl beim gebildeten,
als auch beim ungebildeten Geist beobachten kann. Anders als in der
Vergangenheit, als Materie und Geist, Traum und Realität, Tiere und
Fabelwesen, Menschen und Götter, Physik und Metaphysik allesamt in der selben Welt und in der selben
Weltanschauung existieren konnten, werden diese Dinge nun nur noch getrennt
betrachtet. Selbst religiöse Menschen können sich nicht im gleichen Umfang wie
früher vorstellen, dass Götter, übernatürliche Wesen oder
irgendwelche metaphysische Entitäten ihren Alltag beeinflussen. Gleichzeitig glauben
aber viele auf irgendeine Weise an diese Dinge, für die sie ein kleines
Refugium in ihrem Denken und in ihrem Weltbild reserviert haben.
Dabei versucht man einen logischen Bruch zu vermeiden, indem man die Gebiete
des Alltags, der Wissenschaft und der Technik sorgfältig von denen des
Geistes, der Götter und der Philosophie trennt.
Der Mensch der Moderne hat meist entweder garkein Weltbild, ein veraltetes Weltbild, oder eines, das schlecht und aus unpassenden Teilen zusammengesetzt und voller Inkonsequenzen ist. Die beschriebende Spaltung ist nicht nur ein Streit zwischen Wissensgebieten oder eine Diskrepanz zwischen Gebieten der Anschauung. Es handelt sich vielmehr um eine Spaltung der Wahrnehmung, des Bewusstseins. Sie zieht sich nicht nur durch die Metaphysik, sondern auch durch Ästhetik, Ethik und Politik. Es handelt sich um eine Schizophrenie, die die gesamte moderne Kultur, falls man von so etwas überhaupt sprechen kann, durchzieht. Und wie soll sich eine im Alltag nutzbare, in Kunst und Forschung vitale Kultur entwickeln, wenn sich die Anschauungsweisen bezüglich verschiedener Dinge innerhalb dieser Kultur gegenseitig die Glaubwürdigkeit absprechen, wenn das gesamte Denken einen überkleisterten logischen Bruch aufweist?
Halb ein verstärkender Faktor, halb ein Resultat dieser
Probleme ist ein zumindest unterschwellig
und unterbewusst bestehender Zwist zwischen Naturwissenschaft und
Philosophie - Gebieten, die früher eng verwoben waren.
Das Weltbild der Naturwissenschaft wird meist als materialistisch,
empiristisch und mechanistisch, das der Philosophie eher als idealistisch und
spekulativ betrachtet.
Gegenseitig wirft man sich entweder Stumpfsinn und Kurzsichtigkeit oder
Nutzlosigkeit und Träumerei vor.
Sicher hat die Wissenschaft, wie oben beschrieben, einige Schulen der
Philosophie mehr oder weniger zunichte gemacht. Aber existiert zwischen der Philosophie im Allgemeinen und der
Naturwissenschaft überhaupt ein echter Bruch oder Konflikt?
Ist die Beurteilung der Naturwissenschaft als strikt empiristisch und
mechanistisch gerechtfertigt?
Gibt es nach der Entdeckung der Relativitätstheorie und der Erforschung der Quantenphysik
überhaupt noch einen echten Materialismus in den Naturwissenschaften?
Sicherlich kann man bei den mit Hilfe der Logik und Mathematik auf Beobachtungen aufgebauten Naturwissenschaften von einer empirischen Weltanschauung sprechen. Schließlich akzeptieren Naturwissenschaftler auf Lange Sicht nur Modelle zur Erklärung der Welt, welche mit empirischen Beobachtungen übereinstimmen.
Jedoch hat vor allem die Physik sicherlich schon lange nicht mehr den
Anspruch, tatsächlich erklären zu können, was "in Wirklichkeit" beispielsweise
im Inneren der Materie vorgeht. Anschauliche Erklärungen dienen lediglich als
Analogien, anhand derer man
versuchen kann, die Natur mathematisch zu modellieren oder Theorien für Laien
verständlich zu machen.
Auch die Naturwissenschaft behauptet nicht, zu wissen, ob unsere Sinnesdaten
von einer Außenwelt stammen, die so beschaffen ist, wie wir sie uns vorstellen.
Sie untersucht lediglich die aus der Vorstellung gegebenen Daten und ihre
Gesetzmäßigkeiten.
Damit erkennt sie einen fundamentalen Grundsatz idealistischer
Philosophie an, wie er schon in der Antike in Platons Höhlengleichnis oder im
altindischen Konzepts des Schleiers der Maya zum Ausdruck kam und später
beispielsweise in Kants Kritiken formuliert wurde.
Auch die für die Idealisten so grotesk erscheinende Ansicht, dass die Welt aus kleinen Kugeln aufgebaut sei, die sich
gegenseitig anstößen und im Vakuum umherflögen, ist in den
Naturwissenschaften nicht mehr aktuell. Materieteilchen haben spätestens seit
der Entwicklung der Quantenphysik nicht mehr viel Ähnlichkeit mit den
altertümlichen kleinen Körpern. Ihre Geschwindigkeit und ihr Aufenthaltsort
wird von Wahrscheinlichkeiten beeinflusst, sie verhalten sich unter bestimmten
Gesichtspunkten wie Wellen, sie sind in Energie umwandelbar und sie
wechselwirken untereinander und mit dem Beobachter.
Auch im Großen werden Materie und Energie längst nicht mehr als unabhängige Konzepte
betrachtet, sondern sind wandelbar und voneinander abhängig.
Diese Vorstellung erinnert an idealistische Philosophie, die Materie
nur an ihrer Wirkung und nicht als Ding an Sich erkennt. Bei der Verknüpfung
von Energie und Materie fühlt man sich besonders an die Philosophie
Schopenhauers erinnert, in der das einzig tatsächlich existierende Ding ein
Wille oder eine Kraft ist, die sich in der Materie und in allen anderen
Erscheinungen objektiviert.
Betrachten wir auch die Genetik: Gerade die Vererbungslehre wird meist als
die "materialistischste" und in der Philosophie und Ethik zerstörerischste der modernen
naturwissenschaftlichen Ideen betrachtet.
Aber ist nicht das Konzept von in Proteinen codierten biologischen "Ideen",
für die der Körper lediglich eine "Überlebensmaschine" darstellt, reinster Idealismus?
Der Fortschritt in Physik, Chemie und Biologie hat die Philosophie nicht
zerstört, er hat lediglich mehr Wissen über die Anschauungswelt geschaffen
und dadurch manche Schulen der Philosophie in ihrer Glaubwürdigeit begünstigt,
bei anderen Fehler deutlich gemacht.
Dass die begünstigten Teile der Philosophie nicht unbedingt jene
anti-metaphysischen und mechanistischen sind, die man vielleicht vermuten würde,
wurde anhand von Beispielen gezeigt.
Naturwissenschaft und ernsthafte, glaubwürdige Philosophie haben also mehr
Gemeinsamkeiten, als auf den ersten Blick sichtbar sind. Sie stellen weder widersprüchliche Positionen, noch unterschiedliche, für
streng getrennte Gebiete vorgesehene Denkweisen da.
Nun ist es durchaus nicht so, dass diese Zusammenhänge nie begriffen wurden, oder dass sie hier zum ersten Mal dargestellt werden. Es gibt Wissenschaftsphilosophie im Allgemeinen und es gibt Bücher, die sich mit den philosophischen Konsequenzen der modernen naturwissenschaftlichen Theorien auseinandersetzen. Auch behandeln die meisten populärwissenschaftlichen Bücher diese Themen.
Jedoch geschieht dies oft nur als kurze Randbemerkung, als Kuriosität, oder in Büchern, die
niemand liest, der nicht im gleichen Spezialgebiet arbeitet.
Oft werden die Paradoxa und der "fehlende" Determinismus in der Physik auch
benutzt, um die Grenzen der Wissenschaft aufzuzeigen, um zu
behaupten, dass die Vorstellungen der Vergangenheit hinter diesen Grenzen ja
doch noch ein Refugium haben könnten.
Dies ist aber gerade eine neue Form oben beschriebener Trennung. Man schafft
es zwar, einen logischen Bruch zu vermeiden und eine Weltanschauung zu schaffen, die immerhin möglich ist, indem man die sonst
widersprüchlichen Ansichten nur in ihren jeweiligen Grenzen walten lässt.
An Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit hat man dabei aber, wenn man nicht
richtig vorgeht, sehr wenig gewonnen. Man erhält etwas, das logisch nicht
falsch ist, das den kritischen Geist aber auch nicht wirklich befriedigt.
Und solch einen kritischen Geist hat fast jeder, auch wenn er ihn mit
unbefriedigenden Erklärungen beschwichtigt und an die Kette legt.
Was fehlt, ist der Versuch, mit Hilfe von Philosophie und Naturwissenschaften ein kohärentes, integralistisches Weltbild zu schaffen, welches den Realitäten der Vorstellungswelt genüge tut und die Welt sowohl logisch als auch ästhetisch befriedigend beschreibt und erklärt.
In einem gewissen Sinne hat Spengler recht, wenn er sagt, dass die einzig sinnvolle Philosophie unserer Zeit eine Geschichtsphilosophie oder Philosophiegeschichte sei. Denn eine echte "Philosophie der Neuzeit" mit den oben beschriebenen Eigenschaften braucht keine oder sehr wenige neue Theorien. Sie muss die Theorien und Denkschulen der Vergangenheit gegeneinander abwägen und ihre besten Ergebnisse zu einer Synthese mit den harten Wissenschaften bringen.
Dazu ist es notwendig, die Wissenschaften wie in der Antike wieder als ein
Ganzes zu begreifen. Sie untersuchen verschiedene Aspekte der Welt und
bedienen sich unterschiedlicher Denkweisen und Methoden.
Doch die Welt selbst lässt sich letztendlich nicht zerteilen und muss als ein Ganzes
begriffen werden.

