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10. Januar 2008

Realismus

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Realismus

Wir leben in einer Zeit, in der die Werte für die meisten Menschen ihren Geltungsanspruch verloren haben.


Dies führt zu großer Unentschlossenheit und moralischer Inkonsequenz. Man folgt weder mit Konsequenz und Ehrlichkeit den bisher "gültigen" Werten, noch reisst man sie nieder und schafft sich neue. So befindet sich der Mensch der Moderne in einem Wust aus ohne Konsistenz und Verstand zusammengewürfelten Vorstellungen.
Nihilismus und der daraus entstehende Opportunismus und Utilitarismus trifft auf christlich und sozialistisch gefärbte Vorstellungen. Kaum jemand ist sich noch bewusst, woran er wirklich glaubt und was nur aus Gewohnheit oder unterbewusster Anpassung noch in seinem Kopf herumirrt. Die Menschheit weiss genauer denn je über ihren Geist, ihr Gehirn, ihren Körper und den Rest der Welt bescheid. Moralisch befindet sich der größte Teil der modernen Menschheit hingegen im Zustand der geringsten Selbsterkenntnis und der größten Verwirrung. Im Mittelalter glaubte man zwar an fromme Täuschungen, aber man tat es immerhin mit Bestimmtheit. Heute weiss man nicht einmal mehr, woran man wirklich glaubt.

Wer eine für sich sinnvolle Lebensstrategie verfolgen und sich dazu eigene Werte schaffen oder erwählen muss, der braucht hingegen Klarheit, vor allem über sich selbst. Am besten erreicht man diese Klarheit durch das Verbrennen allens, was man angebetet hat, durch den Eintritt in den Wertefreien Raum, wo nur noch Wissenschaft und die Gesetze der Natur Gültigkeit haben. Doch der Nihilismus kann nicht das Ende der Entwicklung sein, schließlich werden wir immer Entscheidungen treffen, die von persönlichen Einschätzungen, Wertungen, Werten abhängen. Vielmehr dient dieser kalte, mechanistische, materialistische Standpunkt als Ausgangspunkt für das schaffen neuer Werte ohne Unklarheit und Verwirrung. Erfahrungen, Werte, Meinungen und Regeln müssen dann analysierend betrachtet werden und nach Herkunft, persönlich empfundener Qualität und Wert beurteilt werden. Bei diesem zweiten Schritt geht es nicht notwendigerweise um das Beiseiteschaffen unbequemer, aus der Mode gekommener Werte, sondern in manchen Fällen vielleicht sogar um die Wiederentdeckung von Ansichten, die man einst aus Täuschung durch sich selbst oder andere, durch Bequemlichkeit oder Nutzendenken verdrängt hat, obwohl man immer von ihrem Wert überzeugt war und sein wird. So findet man schließlich die reinen, kristallinen Fragmente des eigenen Wertsystems, wie sie wahrscheinlich schon zuvor unter Täuschungen, Inkonsequenz und Bequemlichkeiten versteckt lagen.

Unser logisches Denken wird von unserem Gehirn geregelt, unsere äuere Wahrnehmung von Sinnesorganen, unsere Triebe und Gefühle von Hormondrüsen und Teilen des Gehirns. Was wir früher als unsere Persönlichkeit bezeichneten, ist ein Produkt unseres genetischen Erbes sowie der Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben. Unsere Gedanken und Gefühle sind physisch manifest in unseren Gehirnzellen und unserem Hormonhaushalt. Somit ist auch die Trennung, welche bisher zwischen Trieben, Emotionen und logischem Denken vorgenommen worde, eine rein gedankliche und keine faktische Trennung. Die Triebe dienen dem Zweck, das Individuum zu einer Handlungsweise zu bewegen, in deren Konsequenz es weiterleben und sich fortpflanzen kann. Um dies zu verwirklichen, sind ihm vielfältige körperliche Fähigkeiten gegeben:
Unter anderem Sinnesorgane, Körperteile zur Fortbewegung und, in den meisten Fällen, ein mehr oder weniger weit entwickeltes Gehirn, welches zumindest im Fall des Menschen zum logischen Denken, der Ausarbeitung von Überlebensstrategien und dem Fällen von Entscheidungen dient. Bei allen scheinbar einschränkenden Regeln, die das Gehirn dem Körper auferlegt, verwirklicht es jedoch immernoch keine Wünsche ausser denen des Körpers und seiner Triebe. Wenn wir Vorräte anlegen anstatt dem Drang zu folgen, sofort alles verfügbare zu essen, sichern wir beispielsweise nur unsere Ernährung in schlechteren Zeiten, auch wenn wir vielleicht glauben einem vermeintlich höheren Ideal wie "Mäßigkeit" zu folgen.
Die erwähnten Überlebensstrategien, die vom Gehirn scheinbar zur Unterdrückung menschlicher Triebe, in Wirklichkeit aber zu deren besserer Umsetzung eingesetzt werden, sind nichts anderes als das, was wir heute als ethische und moralische Werte und Regeln bezeichnen.
Manche dieser Werte können der Triebbefriedigung scheinbar genau entgegengesetzt sein, aber trotzdem erfüllen sie ihre Aufgabe, die Bereitstellung einer Überlebensstrategie - auch vom Podest der Tugend herab. Selbstverständlich sind nicht alle Überlebensstrategien, alle Wertsysteme nützlich und einige können zu einem frühen Tod führen, ihr Ziel verfehlen. Um jedoch zu verstehen, inwiefern beispielsweise das Zöllibat oder das Märtyrertum, die ja beide Folgen bestimmter ethischer Normen sind, eine Triebbefriedigung darstellen, müssen wir noch eine genauere Untersuchung des Begriffs der Fortpflanzung, die ja neben dem Überleben ein gleichwertiges, wenn nicht höherwertiges Triebziel darstellt, vornehmen.
Allgemein beschreibt dieser Begriff die Weitergabe der eigenen Eigenschaften an ein anderes Lebewesen, im Fall der körperlichen Fortpflanzung also die Weitergabe genetisch codierter körperlicher Eigenschaften und angeborener Verhaltensweisen.
Jedoch sollte man hier nicht vergessen, dass es auch eine "geistige" Form der Fortpflanzung gibt: Hat ein Individuum Nachkommen, so wird es ihm nicht nur teilweise seine angeborenen körperlichen Eigenschaften und instinktiven Verhaltensweisen übertragen, sondern ihm auch andere Verhaltensweisen beibringen, sofern es über solche verfügt. Besonders ausgeprägt ist dieser Vorgang bei der menschlichen Erziehung. Jedoch ist für die Fortpflanzung der geistigen Art weder körperliche Fortpflanzung, noch das eigene weiterleben nötig.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Tatsache bei Märtyrern, deren körperlicher Tod für die Sache des eigenen Glaubens, oder wie wir mittlerweile besser sagen können, der eigenen Eigenschaften und Überlebensstrategien sogar so förderlich für die geistige Fortpflanzung ist, dass ihr geistiges Erbgut noch Jahrhunderte und Jahrtausende später unverändert am Leben ist.

Unter dieser Betrachtung können wir unsere Werte und Regeln nun als das verstehen, was sie sind: Überlebensstrategien für Individuen, Kulturen und Spezies. Alles lebendige hat solche Strategien. Bei Pflanzen und den meisten Tieren sind sie fest codiert und ändern sich nur durch Evolution. Der Mensch hingegen hat die Möglichkeit, einen kleinen Teil seiner Strategien seiner Umwelt und seinen Erfahrungen anzupassen. So finden wir unterschiedliche Wertsysteme in unterschiedlichen Kulturen und verschiedene Ansichten in einzelnen Personen.
Eine rein materialistische Betrachtung des Menschen scheint zwar zunächst jeglicher Wertung zu widersprechen, erklärt bei näherer Betrachtung aber gerade, wieso wir Werte entwickeln müssen und wieso wir es automatisch tun. Mit dem Konzept der Arterhaltung und der geistigen Fortpflanzung erklärt sie auch, wieso es oft sinnvoll sein kann, bestimmten Werten auch dann treu zu bleiben, wenn sie momentan mit Nachteilen verbunden zu sein scheinen. Oberflächlich betrachtet nehmen Rationalismus und Nihilismus unserem Leben das Göttliche und den Sinn. Konsequent durchdacht führen sie hingegen in ein Gebiet, wo Materialismus und Idealismus verschwimmen, wo Werte geschaffen werden können, die über das Leben des Indiviuums hinausgehen.

(Mehr über den scheinbaren Konflikt zwischen Idealismus und Materialismus findet sich im Artikel Philosophie und Naturwissenschaft.)


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